25 Jahre Ötzi - Spannende Erkenntnisse eines Zeitzeugen

Der Fall Ötzi: Eine Spur führt über die Alpen nach Bayern

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Kupferbeil des Ötzi (K.Spindler).

Ainring - Am 19. September 1991 ging eine Nachricht um die Welt. In den Ötztaler Alpen war eine mumifizierte Gletscherleiche gefunden worden. Ein Geoarchäologe berichtet nun von einer Spur, die nach Bayern führt

Am 19. September 1991 ging eine Nachricht um die Welt. In den Ötztaler Alpen war auf 3200 Metern Höhe eine mumifizierte Gletscherleiche gefunden worden. Die Medien gaben der Eismumie den Namen Ötzi.

Auch nach 25 Jahren hat der Eismann nichts an seiner Faszination verloren. Viele Details an der Ausrüstung und der Mumie selbst wurden seitdem erforscht. Die Ergebnisse füllen mehrere Tagungsbände und zahllose Bücher. Tausende von Artikeln wurden weltweit in den Zeitungen verfasst und Romane geschrieben. Schließlich wird jetzt ein Film zum Leben des berühmten Steinzeitmannes gedreht. Die Ereignisse aber, die vor rund 5300 Jahren am Tisenjoch, dem Fundort der Mumie, zum Tode des Ötzi führten, liegen nach wie vor im Dunkeln.

Alexander Binsteiner

BGLand24.de hat mit einem der letzten Zeitzeugen kürzlich ein Interview geführt. Der deutsche Geoarchäologe Alexander Binsteiner (geb. 1.5.1956 in Wasserburg am Inn) war ab 1993 unter Konrad Spindler Chefgeologe im Eismann-Projekt an der Universität Innsbruck. Er untersuchte die Feuersteingeräte des Ötzi und entdeckte die Abbaugebiete für die Rohstoffe in den Monti Lessini nördlich von Verona. Alexander Binsteiner hat aber noch weitere Erkenntnisse für uns, was die Feuersteine der Eismumie angeht:

Die Feuersteine der Eismumie 

Neue Antworten geben die Feuersteingeräte, die mit der Eismumie geborgen wurden. Sechs Utensilien fanden sich in seiner Ausrüstung: ein Feuersteindolch mit Schäftung und Scheide, ein Reparaturset aus einer Klinge, einem Bohrer und einer Lamelle in seiner Gürteltasche und zwei Pfeilspitzen, bereits befestigt an abschussbereiten Pfeilen im Köcher, beide mit Schäftungsdorn. Die Feuersteine für diese Gerätschaften und Waffen kamen nach meinen Untersuchungen aus den Abbaugebieten in den Lessinischen Bergen (Monti Lessini) nördlich von Verona.

Die Untersuchung in Mainz 

Rekonstruktion des jungsteinzetlichen Feuersteinabbaues von Ceredo, Prov. Verona

Meine Aufgabe im Eismann-Projekt war, die Abbaugebiete für die Feuersteine des Ötzi zu finden. Dazu musste ich zuerst seine Geräte untersuchen, um gewissermaßen die Spur aufzunehmen. Das geschieht an einem Spezialmikroskop. Die Untersuchung fand 1992 im Röm.-Germ. Zentralmuseum in Mainz statt, wo sich die gesamte Ausrüstung des Eismannes damals befand. Die Restaurierungswerkstätten in Mainz zählen zu den besten der Welt. Die Feuersteingeräte konnten dort direkt vollständig unter das Mikroskop gebracht und stereoskopisch untersucht werden.Man kann die Oberflächen dabei in 3D millimeterweise abscannen und auf Besonderheiten im Gestein, auf Einschlüsse und Mikrofossilien untersuchen.

  

In dieser neuen Untersuchungsmethode in der Archäologie war ich damals schon führend. Nach meiner Analyse konnte ich die Feuersteinart des Ötzi sehr genau einstufen und ich wusste, wenn ich diesen sehr markanten Typ irgendwo in den Bergen in einem natürlichen Gesteinsaufschluss sehen würde, dann würde ich ihn sofort wiedererkennen. 

Zunächst konnte ich durch meine Erfahrungen mit Feuersteinen sagen, dass die Feuersteinart des Ötzi nicht nördlich der Alpen vorkommt. Es war keine der bekannten Typen aus den Bergwerken Mittel- und Nordeuropas. Ich ging daher davon aus, dass ich im Süden suchen musste. Das war trotzdem ein riesiges Suchgebiet. Die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Man rennt jetzt nicht mit Hurra ins Gelände und schaut sich jedes Gebirge und jeden Steinbruch an, in der Hoffnung fündig zu werden, sondern man bereitet seine Suche minutiös vor. Und so habe ich mir in Innsbruck sämtliche geologische Karten, Beschreibungen, Literatur besorgt und nach Feuersteinvorkommen durchsucht - einen ganzen Winter lang.

Ötzi-Ausrüstung 

Dann entstand eine Favoritenliste, also eine erste Vorstellung, wo jene Gebiete mit dem Bergwerk des Ötzi liegen könnten Am Ende konzentrierte ich diese Liste auf drei Gebiete: das Nonstal (Val di Non) an der Grenze zu Südtirol, der Monte Baldo am Gardaseee und die Monti Lessini nördlich von Verona

Um es auf den Punkt zu bringen, ich entdeckte schließlich das Abbaugebiet von Ötzis Feuersteinen in den Monti Lessini nahe der kleinen Ortschaft Ceredo. Der Begriff „Ötzis Bergwerk“ war geboren und ging 1994 durch die Medien.“ 

„Ötzi-Feuersteine“ auch nördlich des Alpenhauptkammes 

Weitere Forschungen zeigten in den vergangenen 20 Jahren, dass der spezielle Feuersteintyp aus Ceredo vor allem in den Pfahlbau- und Feuchtbodensiedlungen der Kulturen des vierten Jahrtausends vor Christus nördlich des Alpenhauptkammes von der Schweiz über Ober- und Niederbayern bis an den Mond- und Atterseev vorkam. 

In Bayern zählten zu den bekannten Vorkommen u.a. auch der Chiemgau und die Siedlung der Altheimer und Mondsee-Kultur am Auhögl in Ainring (Altheimer Kultur/Mondseekultur 3800 -3400/3300 v. Chr.).

Kupfer als Triebfeder

Ötzi-Ausrüstung Dolch mit angebrochener Spitze aus Lessinischem Feuerstein mit Griff ausEschenholz und einer Scheide aus Lindenbast

Die Kupfer-Connection - Was trieb die Menschen der Steinzeit Oberitaliens an, die beschwerliche und gefährliche Reise über den Alpenhauptkamm von Süd nach Nord zu unternehmen? Alleine der Handel mit Feuersteinen kann es nicht gewesen sein. Hier half die Kupferanalyse des Ötzi-Beils, das sich als sein wertvollster Besitz in seiner Ausrüstung fand. Es war ein sogennntes Randleistenbeil, eine Beilform mit aufgehämmerten Randleisten zur besseren Schäftung, das so in dieser Zeit nur von der Remedello Kultur Oberitaliens verwendet wurde. Der Ötzi gehörte demnach, archäologisch gesehen, dieser Kultur an. Die Analysewerte der kostbaren Nahkampfwaffe lagen bei 99,7 % Kupfer, 0,22 % Arsen und 0,09 % Arsen. Es handelte sich somit um ein sogenanntes Arsenkupfer, das in der Forschung auch Mondsee-Kupfer genannt wird, weil es von den Leuten der Mondseekultur so verwendet wurde. Es wurde am Mitterberg im Salzburger Pongau, der größten Kupferlagerstätte des Mittleren Alpenraumes, gewonnen. Die Pfahlbauer an Mond- und Attersee betrieben dort ihre Minen und förderten den für die Jungsteinzeit innovativen Rohstoff zutage. Die Steinzeitschmiede der Mondseekultur (3800-3300 v. Chr.) beherrschten das Gießen von Kupfer zu erstklassigen Beilen bereits meisterhaft. 

Mit anderen Worten, Ötzi hatte ein Beil bei sich, das zwar in Oberitalien gegossen worden war, das Rohkupfer stammte aber aus dem Salzburger Land. Die Prospektoren und Händler aus dem Süden waren an den reichen Kupferlagerstätten des Salzkammergutes interessiert. Die italienischen Feuersteine dienten wahrscheinlich nur als Tauschware. Das Kupfer war die eigentliche Triebfeder, das die Zeitgenossen des Ötzi über den Alpenhauptkamm nach Norden führte.

Am kommenden Montag, wenn sich der Jahrestag der Ötzi-Entdeckung zum 25. Mal jährt, lüften wir das Geheimnis, dem Alexander Binsteiner auf die Spur gekommen ist.

Quelle: Alexander Binsteiner

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