Hauptfeldwebel mit Messer bedroht

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Traunstein/Brannenburg - Heute ist „großer Zapfenstreich“ in der Karfreit-Kaserne in Brannenburg. Ab heute muss sich aber auch das Traunsteiner Gericht mit der Kaserne beschäftigen - zumindest mit einem Vorfall in der Kaserne.

Lesen Sie hier den Originalartikel des Oberbayerischen Volksblatts:

Wehrpflichtiger bedrohte Hauptfeldwebel mit Messer

Traunstein/Brannenburg - Ein 18-jähriger Pionier in der Karfreit-Kaserne in Brannenburg kam mit dem Drill in der Bundeswehr ebenso wenig zu Recht wie mit einigen seiner Vorgesetzten oder Kameraden. Die Probleme gipfelten in einem Streit und einer Messerattacke gegen seinen Zugführer.

Glücklicherweise wurde bei dem Vorfall am Morgen des 5. Juli 2009 niemand verletzt. Der junge Soldat landete im Bunker, dann in Untersuchungshaft und vor der Traunsteiner Jugendkammer - angeklagt wegen versuchten Totschlags.

Der gerade noch 18-Jährige erlebte eine schwere Kindheit mit Gewalt in der Familie, wie Josef Benisch vom Kreisjugendamt Rosenheim in dem Prozess schilderte. 1997 war der Angeklagte mit seinen Eltern von Sibirien nach Deutschland gezogen. Die familiären Probleme hörten nicht auf, schulische und berufliche kamen hinzu.

Um dem Einfluss der Mutter zu entgehen, ließ sich der Jugendliche freiwillig mustern. Am 1. April 2009 rückte er in Brannenburg ein. Der Wehrdienst brachte jedoch keine positive Wende. Wieder lehnte er sich auf, missachtete Befehle, verübte sogar Fahnenflucht, kehrte aus freien Stücken zurück und sollte die Grundausbildung wiederholen.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, berichtete, der 18-Jährige sei sehr schnell depressiv geworden durch den Umgangston bei der Bundeswehr. Mehrfach habe sich der junge Soldat zu Unrecht bestraft gefühlt.

In diese Zeit fiel der angeklagte Vorfall in der Kaserne. Der 18-Jährige hätte gemäß lautstarkem Befehl stehen bleiben müssen, ging aber trotzdem in seine Stube, um Block und Bleistift abzulegen. Plötzlich stürmte er auf den Zugführer, einen 35-jährigen Hauptfeldwebel zu, mit dem Dienstklappmesser in der Hand und rief: "Jetzt reicht's." Laut Anklage von Staatsanwalt Bernd Magiera hielt der Pionier die Waffe hoch erhoben und zielgerichtet gegen den Hals-Kopf-Brust-Bereich seines Vorgesetzten. Mehrere Zeugen bestätigten diesen Tatablauf. Der 18-Jährige wies dies allerdings zurück. Er habe das Messer nur in Hüfthöhe gehalten und keine Ausholbewegung gemacht. Er habe den Vorgesetzten nur bedrohen wollen. Jedenfalls konnte der 35-Jährige das Messer mit dem Arm abblocken. Der Angeklagte wurde überwältigt und brach weinend zusammen. Was ihn zu der Messerattacke bewogen hatte, blieb am ersten Prozesstag offen.

"Er kann sich einfach nicht unterordnen." Dies war die Kernaussage von Josef Benisch. Der 18-Jährige verharmlose Gewalt und ihre Folgen - "aufgrund selbst erlebter Gewalt von Kindheit an". Insgesamt weise der 18-Jährige starke Reifeverzögerungen auf. Wie alle Prozessbeteiligten trat Benisch für Anwendung von Jugendstrafrecht ein. Gutachter Dr. Stefan Gerl wollte zur Tatzeit eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausschließen. Von einer länger geplanten Aktion sei nicht auszugehen.

Im Plädoyer forderte Staatsanwalt Bernd Magiera wegen versuchten Totschlags mit einem extrem gefährlichen Werkzeug eine Jugendstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten. Der Verteidiger, Bernd Rudolph aus Singen, wollte die Vorfälle "nicht banalisieren". Sein Mandant habe jedoch nicht überlegt, was er mache, habe auf keinen Fall einen Tötungsvorsatz gehabt oder den Geschädigten verletzen wollen. Der Verteidiger beantragte für die Bedrohung eine Jugendstrafe, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden könne - unter strengen Auflagen. Das Urteil wird am Freitag verkündet.

kd/Oberbayerisches Volksblatt

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Quelle: chiemgau24.de

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