Warum das Landgericht so milde urteilte

Teisendorferin wollte Tochter töten - nur Bewährungsstrafe

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Das schwer beschädigte Unfallfahrzeug: Die angeklagte Teisendorferin musste nach dem Crash auf der B304 mit hydraulischem Gerät aus dem Auto befreit werden.

Traunstein/Teisendorf - Eine Teisendorferin stand am Dienstag vor Gericht, weil sie sich und ihre Tochter durch einen Frontalunfall töten wollte. Dahinter steckt eine tragische Familiengeschichte.

UPDATE 14 Uhr: Richter Fuchs verkündet das Urteil

Richter Erich Fuchs verkündet das Urteil: Die Angeklagte ist des versuchten Totschlags schuldig, in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr. Die Strafe von einem Jahr und neun Monaten ist zur Bewährung ausgesetzt, die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Außerdem wird der 81-Jährigen der Führerschein entzogen, erst nach einem Jahr kann sie ihn wieder erwerben.

Der Richter erkennt: "Die Angeklagte hat sich aufopferungsvoll um ihre Tochter gekümmert, hat selbst auf alle Vorzüge des Lebens verzichtet." Auch hätte sie die Frage umgetrieben, was mit der Tochter wohl passiere, wenn sie selbst nicht mehr am Leben sei. Diese "Ausweglosigkeit" habe die Angeklagte dann zu dieser Tat getrieben - ihren VW mit der behinderten Tochter auf dem Beifahrersitz auf der B304 in den Gegenverkehr zu lenken als sich ein Lastwagen näherte.

Die Bewährungsauflagen für die Teisendorfer Seniorin fallen ebenfalls milde aus: Nur bei einem Wohnsitzwechsel muss sie sich beim Gericht melden. Die Angeklagte und ihr Verteidiger verzichten auf Rechtsmittel. Sie akzeptieren das Urteil - es ist somit rechtskräftig.

UPDATE 13.10 Uhr: Die Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft

Der Staatsanwalt sieht es als erwiesen, dass der VW der Teisendorferin mit Absicht auf die Gegenfahrbahn gelenkt wurde - ein entgegenkommender Lkw konnte noch ausweichen, die Fahrzeuge prallten nicht frontal ineinander. Daher steht für die Staatsanwaltschaft auch die Tötungsabsicht fest: "Die Angeklagte wusste nicht mehr, wie sie ihre behinderte Tochter pflegen sollte. Deshalb die Absicht nicht nur sich selbst, sondern auch die Tochter zu töten." Eine "feindseelige Willensrichtung" kann Staatsanwalt Björn Pfeifer aber nicht erkennen. Er spricht eher von Verzweiflung. 

Der Strafrahmen sieht fünf bis 15 Jahre Haft vor. Doch nach dem Staatsanwalt gibt es einige strafmindernde Umstände: Fehlende Vollendung, verminderte Schuldfähigkeit und keine bösen Absichten. Auch sei die heute 81-jährige Teisendorferin voll geständig gewesen. Auch das Opfer, die Tochter der Angeklagten, wünschte sich vor Gericht, dass das Urteil milde ausfallen sollte. Insgesamt sieht Pfeifer zwei Jahre Haft auf Bewährung für ausreichend:"Die familiäre Situation ist sehr schwierig. Ich gehe davon aus, dass sich so etwas nicht wiederholen wird." Außerdem sollte der 81-Jährigen der Führerschein entzogen werden.

"Meine Mandantin hat sich in einer ganz erheblichen Konfliktsituation befunden", so der Verteidiger. Der Ehemann der Angeklagten wurde über die Jahre dement und aggressiv, es sei daheim "unerträglich" für die Teisendorferin geworden: "Ich schmeiss' Dich die Stiege hinunter", soll er ihr unter anderem gedroht haben. Die Angeklagte hätte um sich und um ihre Tochter gefürchtet. 

Die Verteidigung spricht von einer "katastrophalen Entscheidung", die die 81-jährige vor gut einem Jahr auf der B304 traf. Auch der Verteidiger bezweifelt nicht, dass seine Mandantin auch ihre Tochter töten wollte. Wegen den Umständen und der nicht vollendeten Tat spricht er aber von einem "minderschweren Fall" - und er betont: "Auch der Lkw-Fahrer befand sich in Lebensgefahr, als meine Mandantin zur Tat ausholte." 

"Meine Mandantin und ihre Tochter sind längst ausgesöhnt und verbringen ein schönes Leben miteinander", so der Verteidiger. Seit einem Unfall 1988 war die Tochter der Angeklagten an den Rollstuhl gefesselt - die Angeklagte habe sich nicht erst seit diesem Tag sehr um ihre behinderte Tochter gekümmert. Das Plädoyer: Ein Jahr Haft auf Bewährung.

Vorbericht: 

Hätte der Lkw-Fahrer nicht so schnell reagiert, der erschütternde Plan einer 81-jährigen Teisendorferin wäre wohl aufgegangen: Am heutigen Dienstag steht sie als Angeklagte vor dem Traunsteiner Landgericht, weil sie sich und ihre damals 44-jährige Tochter auf der B304 wohl töten wollte.

Am 25. Februar 2015 suchte sie auf der Bundesstraße bei Teisendorf deshalb nach einem schweren Fahrzeug im Gegenverkehr um ihren VW frontal hineinkrachen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr außerdem vor, deshalb mit Absicht auf Sicherheitsgurte verzichtet zu haben. Gegen 10.10 Uhr wechselte die Teisendorferin mit 80 bis 90 Stundenkilometer auf die Gegenfahrbahn als sich ein Lastwagen mit Ebersberger Kennzeichen näherte. Der Brummifahrer konnte seinen Sattelschlepper gerade noch zur Seite lenken, trotzdem kam es zum Crash: Beide Frauen wurden verletzt.

Die Teisendorferin ist deshalb wegen versuchten Totschlags angeklagt, in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und besonders schwerem, gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr. BGLand24.de wird aus dem Traunsteiner Landgericht berichten.

Aus dem Archiv: Fotos vom Unfall im Februar 2015

Schwerer Unfall auf B304

xe

Quelle: chiemgau24.de

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