Neuöttinger erneut vor Landgericht Traunstein

So fiel das Urteil für den "Macheten-Mann" aus

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Der Beschuldigte und sein Verteidiger Jörg Zürner bei der Verhandlung Anfang 2015

Traunstein/Neuötting - Rund ein Jahr nach dem ersten Urteil stand der Neuöttinger "Macheten-Mann" erneut vor dem Landgericht. Sein Fall wurde neu aufgerollt. Am Mittag gab es bereits ein Urteil:

UPDATE, 12.40 Uhr: Das ist das Urteil

Richter Norbert Pollock hat sein Urteil gesprochen: Der Angeklagte muss weiterhin in Unterbringung bleiben - zeitlich vorerst unbegrenzt. "Auch wir gehen davon aus, dass der Angeklagte niemanden verletzen wollte, sondern sich wegen seiner Erkrankung erschießen lassen wollte. Ob konkret eine Gefahr bestand wissen wir nicht, aber abstrakt war das brandgefährlich", so der Richter zur Begründung.

Es sei zwar von Schuldunfähigkeit zum Tatzeitpunkt wegen der Persönlichkeitsstörung des Angeklagten auszugehen, aber Richter Pollock sieht keine hinreichenden Erfolgsaussichten, dass der 48-jährige Burghauser den Alkoholismus überwindet: "Und was würde passieren, wenn wir den Angeklagten heute aus der Unterbringung entlassen?" Die persönlichen privaten Probleme würden außerdem weiter bestehen.

In regelmäßigen Abständen, möglicherweise alle zwei Jahre, soll künftig überprüft werden, inwieweit sich der psychische und physische Zustand des "Macheten-Mannes" verbessert hat. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Angeklagter und Verteidigung könnten in Revision gehen.

UPDATE, 12 Uhr: Das sind die Plädoyers

Das Plädoyer von Staatsanwalt Ziegler: Tatsächlich sei die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten zum Tatzeitpunkt nicht gegeben gewesen, so der Staatsanwalt. Er bringt hier die Persönlichkeitsstörung und die seelische Störung ins Spiel: "Er ist nicht zu bestrafen, für das was er getan hat."

Aber: "Heute haben wieder nur wenige Stichpunkte genügt, um den Angeklagten hier zum Brennen zu bringen. Er musste von seinem Verteidiger gebremst werden", so Ziegler. Alle anderen seien im Weltbild des Angeklagten Schuld: "Doch ich halte das für eine erheblich rechtswidrige Tat. Man stelle sich das nur selber vor, wenn man im Biergarten sitzt und bedroht wird."

"Die Gefährlichkeit des Beschuldigten ist gegeben. Die Grundprobleme der Persönlichkeitsstörung sind bei ihm viel zu massiv, als dass man das nur auf den Alkohol schieben kann", so Staatsanwalt Ziegler. Die einstweilige Unterbringung soll aufrecht erhalten bleiben.

Das Plädoyer von Verteidiger Zürner: "Die Leute im Biergarten sind doch nicht panisch weggerannt und haben Schutz gesucht", so der Anwalt - sie seien sitzen geblieben und haben weiter Bier getrunken: "Die haben meinen Mandanten nicht ernst genommen und haben sich subjektiv nicht bedroht gefühlt." Letztendlich wollte sich sein Mandant "nur" von der Polizei erschießen lassen.

Außerdem sei die momentane Unterbringung kein großer Unterschied zur Haft: "Der Laden ist zu. Sie kommen da nicht raus. Das ist nichts anderes als ein geschlossener Haftraum, wo Sozialkontakte eingeschränkt werden." Außerdem sei die Unterbringung zeitlich unbegrenzt - im Gegensatz zur Haft: "Das kann über lebenslang hinausgehen!"

"Der Angeklagte wollte einmal einen großen Auftritt haben - auch wenn's der letzte ist", so Anwalt Zürner. In der Unterbringung im Inn-Salzach-Klinikum habe sein Mandant außerdem bereits die Alkoholabstinenz erreicht und es habe keinerlei Disziplinarmaßnahmen gegen ihn gegeben. Wegen Schuldunfähigkeit zum Tatzeitpunkt sei der Angeklagte freizusprechen.

Gegen 12.30 Uhr ist mit dem Urteil von Richter Norbert Pollock zu rechnen.

UPDATE, 11.10 Uhr: Gutachter spricht von geringer Therapie-Chance

"Eingeschränkte intellektuelle Leistungsfähigkeit" und eine "organische Persönlichkeitsstörung" macht der psychologische Gutachter beim 48-jährigen Beschuldigten aus. Sie seien Folgen der jahrelangen Alkoholsucht. Im Gespräch mit dem gebürtigen Burghauser stellte der Sachverständige immer wieder fest, wie gereizt er reagiert: "Schon geringe äußere Anlässe, vielleicht nur ein Satz, führten dazu, dass er sich erregt verhielt." Wenn er hinüber zur Anklagebank blickt spricht er von "mangelnder Impulskontrolle" und "suizidalen Tendenzen".

Auch am Tattag im Juni 2014 hätte der 48-Jährige seine Emotionen nicht mehr "klar regulieren können". Wieder vergräbt er sein Gesicht in den Händen, reibt sich die Augen. Auch die nächste Aussage des Gutachter bringt ihn zum Kopfschütteln: "Es besteht wohl wenig Aussicht, dass die Therapie Erfolg haben wird." Noch immer sei der Beschuldigte in Gesprächen weitschweifig und ausufernd, er zeige Aufmerksamkeitsstörungen und könne Sachverhalte nicht langfristig umsetzen.

"Liegt's vielleicht daran, dass sich mein Mandant mit der Therapeutin im Klinikum nicht gut versteht?", fragt der Verteidiger. Außerdem führt er ins Feld, dass der 48-Jährige früher bereits von einer Tablettensucht weggekommen sei. Nun könne er dies doch auch beim Alkohol schaffen - doch der Psychologe meint eher, dass es sich dabei um eine "Suchtverlagerung" handle.

Außerdem, so der Sachverständige, müsse man auch künftig mit Körperverletzungen rechnen, wenn Alkohol im Spiel sei. Sein Verteidiger lässt nicht locker: Im Klinikum sei es bisher auch zu keinen körperlichen Übergriffen gekommen. Nach der Aussage des Sachverständigen wartet Richter Pollock nun auf die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung.

UPDATE, 10.15 Uhr: Das verkorkste Leben des Täters

Die Nacht verbrachte er noch in der Entzugsklinik bei Wasserburg, seit dem Morgen steht er wieder vor dem Traunsteiner Landgericht. Im Juni 2014 wurde er vom Gericht dort eingewiesen, doch jetzt wird sein Fall zum Teil neu aufgerollt. Die Staatsanwaltschaft legte erfolgreich Revision gegen das Urteil beim Bundesgerichtshof ein.

"Dein Kopf gehört mir", soll der Beschuldigte Anfang Juni 2014 zu einem Zeugen gesagt haben. Der gelernte Metzger zog damals mit einer 49 Zentimeter langen Machete bewaffnet durch einen Neuöttinger Biergarten. Später bedrohte er auch Polizisten, erst ein Schuss ins Bein stoppte ihn.

Allein die Biografie des 48-jährigen Beschuldigten klingt äußerst verkorkst: Als Kind war er bei Pflegeeltern, in acht Schuljahren fiel er drei Mal durch. Es folgten Jobs im Schlachthof, bei Metzgereien und bei der Müllabfuhr, bevor er arbeitslos wurde. Seine Kinder von inzwischen geschiedenen Frauen wurden zur Adoption freigegeben.

In den schlimmsten Zeiten seiner Alkoholsucht trank der gebürtige Burghauser vier Kästen Bier an Wochenenden. Damit nicht genug, Richter Pollock verliest die Vorstrafen des "Macheten-Manns": Fahren ohne Führerschein, Körperverletzung, Diebstahl, Verletzung von Unterhaltspflichten. "Darf ich dazu noch was sagen?" - doch sein Verteidiger muss ihn einbremsen. Der Beschuldigte schüttelt nur noch mit dem Kopf.

"Das alles hätte ein inszenierter Suizid werden sollen. Er wollte niemanden verletzten", meint sein Anwalt. Der Tag begann schon schlecht für den beschuldigten 48-Jährigen: Zuerst ein erfolgloser Termin im Arbeitsamt, dann betrank er sich, stritt mit seiner Ex-Frau, es floss noch mehr Alkohol - schließlich fühlte er sich von Biergartengästen in Neuötting ausgelacht und bewaffnete sich: Eine Machete, ein Gewehr, ein Samuraischwert. Jetzt sitzt der 48-Jährige wieder vor Gericht. In Regenjacke und mit verschränkten Händen hört er Richter Norbert Pollock ruhig zu.

Nun soll der Beschuldigte nochmal von einem psychologischen Sachverständigen eingeschätzt werden, der ihn seit seiner Einweisung ins Inn-Salzach-Klinikum kennt.

Der Vorbericht:

Er erlangte Mitte 2014 traurige Berühmtheit. Jetzt wird dem sogenannten Neuöttinger "Macheten-Mann" erneut vor dem Landgericht in Traunstein der Prozess gemacht. Anfang Juni 2014 war der heute 48-Jährige mit einer Machete, einem Samurai-Schwert und einem Gewehr auf zwei Polizeibeamte losgegangen. Bereits Anfang 2015 stand der Mann deshalb schon einmal in Traunstein vor Gericht und wurde auch verurteilt. Die Begründung des damals vorsitzenden Richters Erich Fuchs reichte dem Bundesgerichtshof (BGH) jedoch nicht aus. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft in Traunstein wird daher jetzt das Verfahren erneut aufgerollt.

Erneuter Antrag auf Unterbringung des "Macheten-Mannes"

Der Sachverhalt am ersten Prozesstag im Jahr 2015 schien klar zu sein: Ein Neuöttinger bedrohte in einem Biergarten mehrere Männer mit einem Gewehr, die Polizei wurde alarmiert und der damals 46-Jährige ging auf die Beamten los - mit Samurai-Schwert und Machete bewaffnet. Einer der beiden beteiligten Polizisten stoppte den Neuöttinger letztlich mit einem Schuss ins Bein, außer dem Mann selbst wurde niemand verletzt.

Mit diesen Waffen bedrohte der Beschuldigte Mitte 2014 die Polizeibeamten

Das Gericht entschied sich darauf hin für eine Unterbringung des Beschuldigten in einer Entzugsklinik. Ein Körperverletzungsvorsatz sei nicht feststellbar gewesen. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass er in suizidaler Absicht gehandelt hat", begründete der vorsitzende Richter Erich Fuchs damals das Urteil. Auch sei eine Schuldunfähigkeit zum Tatzeitpunkt nicht auszuschließen. Daher könne der Beschuldigte auch nicht bestraft werden.

Staatsanwalt Björn Pfeifer forderte jedoch bereits damals eine Unterbringung in einer Entzugsklinik nicht anzuordnen, aufgrund der mangelnden Einsichts- und Reflektionsfähigkeit des Beschuldigten. Zudem sei weiter von einer Gefahr des Angeklagten auszugehen, so der Staatsanwalt in seinem damaligen Plädoyer: "Seit 2001 hat er bereits in drei Fällen wahllos Personen mit einem Messer bedroht." Stattdessen forderte Pfeiffer eine zeitlich unbegrenzte Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Zweifel eines Psychologen bereits am ersten Verhandlungstag

Zuvor ließ auch der psychologische Gutachter, Sachverständiger Rainer Gerth, Zweifel am Erfolg eines Entzugs durchblicken. Gerth hielt den heute 48-Jährige schlicht für nicht intelligent genug, um einen solchen Entzug erfolgreich zu bestreiten. Zudem sei die Alkoholproblematik nur einer von mehreren Faktoren, die für die Tat ausschlaggebend gewesen waren.

"Er hat wie ein Maulheld herumgeschrien, aber hat niemanden verletzt, obwohl er mehrfach die Gelegenheit hatte," erklärte der damalige und heutige Verteidiger des Beschuldigten, Jörg Zürner in seinem Plädoyer Anfang 2015. Er beantragte, den Mann in eine Entzugsklinik einzuweisen und attestierte seinem Mandanten eine positive Zukunftsperspektive. 

In einem weiteren Verhandlungstag soll dem Sachverhalt nun erneut nachgegangen werden. Am Dienstag, ab 9 Uhr, steht der heute 48-jährige Metzger aus Neuötting erneut vor der 6.Strafkammer in Traunstein vor Gericht.

+++ Chiemgau24.de berichtet dann wieder direkt aus dem Gerichtssaal. +++

Bilder und Videos aus dem Archiv

Kripo ermittelt in Neuötting

Quelle: chiemgau24.de

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Xaver Eichstädter

Xaver Eichstädter

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