KIT: "Sanitäter für die Seele"

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Tobias Spörlein leitet das Kriseninterventionsteam (KIT).

Traunstein - Die ersten Reaktionen nach einem tragischen Unglück sind keine Weinkrämpfe, kein hysterisches Aufschreien, kein Schweigen. Nein. Es sind Fragen, viele, viele Fragen.

Was ist wann und wo passiert? Das wollen die Eltern wissen. Fragen, deren Beantwortung aber alles andere als leicht fällt. Wie ist die Tochter ums Leben gekommen, wo war der Verkehrsunfall, wer hat den Frontalzusammenstoß verursacht?

Irene Volk spricht ruhig und informiert die Eltern, so gut sie kann. Dabei ist sie selbst innerlich aufgewühlt und fühlt mit. Eine ihrer beiden Töchter hat das gleiche Alter wie die getötete junge Frau. Noch vor wenigen Minuten stand sie mit zwei Polizeibeamten draußen am Gartentor vor dem Einfamilienhaus. Die Polizisten hatten sich vergewissert, dass man richtig ist, dann die Klingel gedrückt. Es dauert einige Minuten, bis in einem der Zimmer das Licht angeht. Es ist kurz nach zwei Uhr nachts. Die Haustüre wird zaghaft geöffnet und beim ersten Anblick der beiden Polizisten und der beiden Krisenhelfer in dunkelblauer Dienstkleidung ist den Eltern klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Einen klaren Gedanken zu fassen ist nicht möglich. Entsetzen macht sich breit. "Dürfen wir reinkommen?", fragt Volk. Als das Paar am Küchentisch Platz genommen hat, spricht sie kurz und knapp aus, was die schluchzende Frau und der ängstlich zurückweichende Mann hofft, dass es nicht die Wahrheit ist: "Ihre Tochter ist bei einem Verkehrsunfall getötet worden", sagt Volk mit ruhiger Stimme.

Es ist eine schreckliche, eine brutale Nachricht, die die Krisenhelferin überbringt. Eine Nachricht, ohne Verschnörkelung, bei der sich nichts beschönigen lässt. "Vom Herumdrücken wird die Nachricht nicht besser." Das eigene Kind bei einem Unfall zu verlieren kann man niemandem sanft und schonend beibringen.

Irene Volk ist Krisenhelferin des Malteser Hilfsdienstes und seit Gründung des Kriseninterventionsteams (KIT) Traunstein im Jahr 2002 ehrenamtlich tätig, wenn Menschen nach plötzlichem Tod Beistand und Begleitung brauchen. In Kooperation mit dem Bayerischen Roten Kreuz stellen die Malteser den Dienst der "Ersten Hilfe für die Seele" im Landkreis Traunstein sicher.

Sie brauchen Beistand und Betreuung

Während der "klassische" Rettungsdienst äußerlich Verletzte oder akut erkrankte Menschen versorgt, kümmern sich Volk und ihre Teamkolleginnen und -kollegen um Menschen, die von einem Unglück indirekt betroffen sind. Das sind Augenzeugen, Angehörige oder Unfallbeteiligte mit seelischen Belastungen und nicht selten mit Traumatisierungen. Sie bedürfen ebenfalls einer Hilfe und brauchen gerade in den schlimmsten Stunden ihres Lebens Beistand und Betreuung.

Für diese "seelisch verletzten" Menschen nehmen sich die Krisenhelfer der Malteser und des Bayerischen Roten Kreuzes Zeit, begleiten, beraten, harren miteinander im Schweigen und in der Trauer aus. Auf Anforderung von Rettungsdienst, Notarzt, Feuerwehr oder Polizei rücken die Helfer des KIT zu jeder Tages- oder Nachtzeit und 365 Tage im Jahr aus, damit Menschen im seelischen Tief nicht allein sein müssen.

Die KIT-Helfer unterstützen die Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten, stehen Angehörigen nach einem Suizid bei, betreuen die Frauen, deren Mann in der Wohnung tot zusammengebrochen ist und begleiten Lokführer, die plötzlich auf den Gleisen vor sich eine Person stehen sahen und die das Geräusch eines dumpfen Aufpralls nicht mehr los lässt. Krisenhelfer halten es für einige Stunden mit Menschen aus, deren Welt aus den Fugen geraten ist - die ins Nichts schauen. Freiwillig und ehrenamtlich tun sie das, ohne nur einen Euro dafür zu bekommen.

Familienmitglieder kurz nach einem Unglück in eine Leichenhalle zu begleiten, ist keine leichte Aufgabe. Die Helfer tun es, damit sich die Angehörigen von dem geliebten Menschen verabschieden, ihn ein letztes Mal berühren können. Dadurch wird der Tod im wahrsten Wortsinn begreifbar. Selbstverständlich achten die Krisenhelfer darauf, ob den Verwandten dies zugemutet werden kann. Und natürlich wird niemandem etwas aufgezwungen, was er nicht will. Die allermeisten der vom KIT betreuten Menschen sagen: "Das war gut so und ich bin froh, dass ich mich verabschiedet habe!"

Gottesdienst und Festakt

Seit der Gründung des KIT Traunstein im Jahr 2002 wurden die Krisenhelfer der Malteser und des Roten Kreuzes zu mehr als 1000 Einsätzen gerufen. Statistisch gesehen sind sie jeden dritten Tag irgendwo im Landkreis Traunstein und manchmal auch darüber hinaus im Einsatz. Mehr als 4500 Menschen wurde von den Krisenhelfern bisher Beistand geleistet. In diesem Jahr besteht die Krisenintervention im Rettungsdienst im Landkreis Traunstein seit zehn Jahren. Das Jubiläum wird am Samstag, 24. März, mit einem Gottesdienst um 18 Uhr in der Salinenkapelle am Karl-Theodor-Platz in Traunstein und einem anschließenden Festakt um zirka 19 Uhr im Saal des Rathauses am Stadtplatz begangen. Professorin Dr. Barbara Juen von der Universität Innsbruck, Institut für Psychologie, hält einen Festvortrag. Interessierte, Freunde, Förderer und Gönner der Krisenintervention sind willkommen, an den Feierlichkeiten teilzunehmen.

pv/Chiemgau-Zeitung

Quelle: chiemgau24.de

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