Rentner-Quartett vor Richter

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Aus diesem Haus im Chieminger Ortsteil Hart befreite die Polizei das Entführungsopfer.

Chieming/Speyer/Traunstein (OVB) - Sie wollen ihr Geld. Deshalb entführen zwei Rentner-Ehepaare ihren Steuerberater und halten ihn in einem Keller gefangen. Sie verlangen fast 2,5 Millionen Euro zurück, die der Mann in den USA in den Sand gesetzt hat. Nach drei Tagen befreit die Polizei die Geisel.

Was nach Tatort-Drehbuch klingt, hat sich im Juni 2009 in Chieming zugetragen. Ab Montag steht die Rentner-Gang in Traunstein vor Gericht.

Die Geschichte beginnt in den 90er-Jahren in Naples, Florida, einem beliebten Rückzugsort sonnenhungriger Senioren in den USA. Zwei vermögende Ehepaare aus Chieming und Schliersee, miteinander bekannt, hatten dort Ferienhäuser. Sie lernten einen deutschstämmigen Amerikaner kennen, der als Steuerberater tätig war. Der Immobilienmarkt in Florida boomte in diesen Jahren. Auf den Rat ihres Bekannten hin gründeten die beiden Ehepaare Briefkastenfirmen. Das Paar aus Chieming legte über ihn 1,1Millionen US-Dollar an, die Schlierseer investierten 300000 Dollar. Anfangs trudelten die versprochenen Zinszahlungen ein. Doch dann gab es plötzlich kein Geld mehr. Auch die Rückzahlung der Beträge blieb trotz mehrmaliger Aufforderungen aus. Rechtliche Schritte schienen weder in den USA noch in Deutschland möglich. Irgendwann muss in den Rentnern der Entschluss gereift sein, sich das Geld auf eigene Faust zurückzuholen.

Am 16. Juni 2009 war es soweit. Der 74-jährige Chieminger, ein ehemaliger Bauunternehmer, fuhr zusammen mit einem 60 Jahre alten Amerikaner nach Speyer, wo der inzwischen 56-jährige Anlageberater wohnte. Der 60-Jährige hatte früher für ihn gearbeitet und fühlte sich um hohe Provisionen betrogen. Als der Steuerberater die Tür seiner 160-Quadratmeter-Wohnung in der Altstadt von Speyer aufschloss, standen seine alten Bekannten plötzlich hinter ihm. Die beiden drängten den 56-Jährigen in die Wohnung, schlugen und fesselten ihn. Fünfmal wickelten sie ein Klebeband um seinen Mund und verklebten sogar ein Nasenloch. Sie packten das Opfer in eine Kiste, aus mehreren Umzugskartons zusammengebaut, und transportierten es mit einer Sackkarre zu ihrem Audi A8 - mitten in der Fußgängerzone von Speyer. Im Kofferraum ging es durch halb Deutschland Richtung Chiemsee . Bei einem Stopp unternahm das Opfer einen Fluchtversuch, wurde aber in den Kofferraum zurückgeprügelt. Der Steuerberater brach sich zwei Rippen.

In einem Haus im Chieminger Ortsteil Hart, wo die 79-jährige Frau des mutmaßlichen Haupttäters auf sie wartete, wurde die Geisel in ein vorbereitetes Kellerverlies gebracht. Am Nachmittag des 17. Juni kam das Arzt-Ehepaar aus Schliersee. Gemeinsam hielten sie in der Garage ein "Femegericht" ab, so die Staatsanwaltschaft. Laut ihren Ermittlungen lag eine geladene Pistole im Regal. Der Berater wurde massiv unter Druck gesetzt. Die Sache könne "böse ausgehen", drohte der 74-Jährige.

Der Geschädigte wies letztlich auf ein Konto des Chiemingers über 1,8 Millionen Euro und weitere 260 000 Euro auf eine Bankverbindung der 64-jährigen Schlierseerin an. Auf einem Fax an einen Schweizer Treuhänder gelang es der Geisel, eine verschlüsselte Botschaft unterzubringen: "Sell 100 Call Pol.ICE - bitte heute!" Der Satz machte den Treuhänder stutzig. Er schaltete die Polizei ein, die über die Faxkennung die Adresse ausfindig machte. Wenig später stürmten schwerbewaffnete SEK-Beamte das Haus und befreiten die Geisel.

Die Anklage lautet in allen Fällen auf Geiselnahme und gefährliche Körperverletzung. Das Verfahren gegen den 67 Jahre alten früheren Arzt aus Schliersee wurde vorläufig eingestellt. Er ist wegen Herzproblemen bis auf Weiteres nicht verhandlungsfähig.

Mittlerweile erscheint auch die Geisel nicht nur als Opfer: Gegen ihn ermittelt derzeit die Wirtschaftsstrafkammer der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern. Es ist ein schwieriges Verfahren, sagt Staatsanwalt Michael Stiefenhöfer , denn die Verträge sind nach US-Recht abgeschlossen. Weitere Opfer des Anlageberaters werden vermutet.

Vor dem Landgericht Traunstein sind sechs Verhandlungstage angesetzt. Am 23. März sollen die Urteile verkündet werden.

kd/ku/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: chiemgau24.de

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