Zahl vom Landkreis heuer erst zur Hälfte erfüllt

So viele Flüchtlinge soll Ihre Gemeinde noch aufnehmen

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Landkreis Traunstein - Mit 2839 Asylbewerbern bis zum Jahresende rechnet man - doch nur rund die Hälfte davon wurde bereits untergebracht. Was Landkreis, Städte und Gemeinden bis zum Jahresende noch zu erwarten haben:

Händeringend suchen Städte und Gemeinden im Landkreis nach Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber. Schon jetzt scheint eine dezentrale Aufnahme - kleine Gruppen oder Familien verteilt auf alle Gemeinden - kaum möglich zu sein, doch die größte Aufgabe hat man dabei noch vor sich: "Am 23. Dezember werden die Erstaufnahmeeinrichtungen in Bayern geleert, das steht fest", so Siegfried Walch jüngst bei der Euregio-Tagung in Anger. Das heißt: Spätestens dann müssen die Flüchtlinge nach einem fixen Schlüsselsystem von den Landkreisen übernommen werden.

1470 Asylbewerber waren am 6. November im Landkreis insgesamt untergebracht, 300 davon in großen Gemeinschaftsunterkünften in Grassau, Engelsberg und Inzell. Der große Rest wohnt dezentral bei Privatpersonen, in alten Gasthäusern oder leerstehenden Hotels - Integration klappt so natürlich schneller, doch für die Gemeinden ist es oft schwierig, passende Gebäude zu finden. Dies beweist der Blick auf die Zahlen der einzelnen Gemeinden.

Wie viele Flüchtlinge jeder Stadt und Gemeinde bis Jahresende zugewiesen sind - und wie viele bereits aufgenommen wurden

Die zugewiesene Flüchtlingszahl richtet sich nach der jeweiligen Einwohnerzahl. Doch insgesamt wurde bisher nur gut die Hälfte der Asylbewerber im Landkreis untergebracht, als es die "Soll-Zahlen" bis Ende 2015 verlangen würden. Vergleicht man die Gemeinden untereinander, werden große Unterschiede sichtbar.

Soll erfüllt: Die Musterschüler

Fünf Gemeinden haben ihre "Arbeit" schon getan: Bergen, Engelsberg, Grassau, Ruhpolding und Schleching bieten teils weit mehr Flüchtlingen eine neue Heimat, als es nach dem Schlüssel notwendig wäre. Aber vor allem Engelsberg und Grassau erreichen die Zahlen auch "nur" wegen der dortigen Gemeinschaftsunterkünfte. Sie bestehen dagegen schon seit Jahren und haben lange dafür gesorgt, dass der Landkreis bei der Unterbringung von Flüchtlingen Vorbildcharakter hatte. Die dezentral untergebrachten Asylbewerber in Engelsberg und Grassau könnte man dagegen an einer Hand abzählen.

Hier soll Raum für 200 Flüchtlinge entstehen: Der Festplatz in Traunreut.

Auch in Wonneberg, Inzell, Marquartstein und Nußdorf kommt man nahe an die "Soll-Zahlen" heran.

Kein einziger Asylbewerber: Gemeinden mit Nachholbedarf

Eine ganze Reihe von Gemeinden hat allerdings noch keinen einzigen Flüchtling zu Gesicht bekommen: Kienberg, Reit im Winkl, Staudach-Egerndach, Surberg, Taching und Vachendorf. Auch Pittenhart gehörte bis zur vergangenen Woche noch zu den abgeschlagenen Gemeinden - doch am Donnerstag konnten zehn Iraker aufgenommen werden. Auch Taching wird dem Beispiel bald folgen: In privatem Wohneigentum wurde Platz für 20 Flüchtlinge geschaffen, die in den nächsten Wochen dort unterkommen werden.

Ein Sonderfall liegt in Unterwössen vor: Dort wurden 2013 55 syrische "Kontingentflüchtlinge" aufgenommen, die sofort Asylstatus erhielten. Für die Soll-Zahlen des Landkreises und für die Gemeinde werden sie daher nicht mitgerechnet - daher steht auch Unterwössen genau genommen bei "null".

Die Städte

Ausnahmslos hinken die Städte im Landkreis noch deutlich hinterher. In Trostberg hat man aktuell zumindest 124 Asylbewerber aufgenommen, von 182 die bis Jahresende noch erwartet werden, doch in Traunreut, Tittmoning und Traunstein sieht es zur Zeit noch recht dürftig aus: Dort werden die Quoten nur zu jeweils rund 30 Prozent erfüllt.

Noch vor Jahreswechsel werden in die ehemaligen Telekom-Betriebsgebäude in Traunstein um die 160 Asylbewerber ziehen.

Doch schon jetzt ist einiges für die vier Städte abzusehen: Noch heuer wird in der Traunsteiner Seufferstraße eine Gemeinschaftsunterkunft für rund 160 Flüchtlinge eröffnen. Im kommenden Jahr werden außerdem in der Sepp-Kiene-Straße in Trostberg 100 Asylbewerber unterkommen und am Traunreuter Festplatz werden für rund 200 Flüchtlinge zwei zweistöckige Gebäude errichtet. Traunreut wird mit über 320 beheimateten Asylbewerbern dann der Ort im Landkreis sein, der mit Abstand am meisten schultert. In Tittmoning rechnet man bis Jahresende mit insgesamt 37 Neubürgern, 96 sollten es eigentlich sein.

Woher will der Landkreis die Unterkünfte nehmen?

Rund 66 Flüchtlinge werden dem Landkreis Traunstein umgerechnet pro Woche derzeit zugewiesen: "Bei diesen Zahlen müssten wöchentlich fünf Wohnungen gefunden werden - das ist nicht möglich. Die einheimische Bevölkerung braucht ja schließlich auch Wohnraum", so Florian Amann vom Landratsamt vergangene Woche auf einer Informationsveranstaltung in Tittmoning.

"Fast alle anderen Landkreise besetzen schon längerfristig Turnhallen, wir haben das dagegen bisher ganz gut geschafft", meint Landrat Walch. Aber auch er weiß: "Selbst wenn Geld und Fläche keine Rolle spielen würden: So schnell könnten wir gar nicht bauen." Im Video fasst Siegfried Walch das Problem zusammen und verrät, wie wohl die Lösung für den Landkreis aussehen wird.

Nicht verwechseln darf man in diesem Zusammenhang die vorübergehende Unterbringung geflüchteter Menschen in den Turnhallen von Chieming und Traunreut heuer im August: Sie kamen im Rahmen des Notfallplans der Regierung von Oberbayern und wurden nur zur Erstaufnahme für einige Wochen dort untergebracht. Die regulären Erstaufnahmeeinrichtungen, wie beispielsweise die Bayernkaserne in München, sollten so entlastet werden

Richtlinien zur Aufnahme von Flüchtlingen

"Welche Voraussetzungen müssen denn gegeben sein, um Flüchtlinge aufzunehmen?", diese Frage stellt sich immer wieder für Interessierte mit Privatgrundstücken und Gebäuden. Aus der Not der letzten Monate heraus wurden die Richtlinien gelockert: "Früher gab es unter anderem die Vorschrift: Mindestens sieben Quadratmeter pro Person. Heute ist man nur noch beim Brandschutz wirklich streng", so Florian Amann vom Landratsamt.

Freie Häuser oder Wohnungen können dem Sachgebiet "Kommunales und Soziales" im Landratsamt angeboten werden. Ein Mitarbeiter begutachtet dann das Objekt. Wird man sich einig, schließen Eigentümer und der Freistaat Bayern einen Vertrag zu den Konditionen der ortüblichen Miete.

Welche Asylbewerber wohnen bei uns?

Florian Amann, Leiter der Abteilung "Kommunales und Soziales" im Landratsamt.

Auch wenn die Kriegsflüchtlinge aus Syrien derzeit im Fokus stehen: Die 240 Syrer belegen nur den zweiten Platz der Herkunftsländer im Landkreis. Deutlich mehr Menschen sind aus Afghanistan hier (505). Nach den Syrern folgen Schutzsuchende aus dem Senegal (127), Pakistan, Eritrea (jeweils 122) und Nigeria (105). Eine verschwindende Minderheit stellen Asylbewerber aus Serbien (18) oder Kosovo (15) dar.

Bei Syrern stehen die Chancen auf eine dauerhafte Anerkennung bei "etwa 90 Prozent", so Florian Amann vom Landratsamt. Flüchtlinge aus Afghanistan können mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent in Deutschland bleiben. 90 Prozent der Asylbewerber im Landkreis Traunstein sind männlich, ebenso viele sind muslimischen Glaubens.

Wie viele Flüchtlinge werden noch kommen?

Sozusagen die Frage aller Fragen, doch eine Antwort fällt der Politik schwer. Fest steht, dass man sich noch in der ersten Jahreshälfte 2015 kräftig verschätzt hatte: Im März wurde noch mit knapp 1400 Flüchtlingen bis Ende 2015 gerechnet - nun wird es wohl mehr als das Doppelte.

Ein Blick über die letzten Jahre zeigt den starken Anstieg der Flüchtlinge im Landkreis. Auch für kommendes Jahr hat man sich im Landratsamt schon grobe Zahlen zurechtgelegt: Im "möglichen Sollprognoseszenario" für 2016 geht man von einer nochmaligen Verdoppelung der Asylbewerber aus.

xe

Quelle: chiemgau24.de

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