Heimatpfleger auf den Spuren der Römer

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Albert Multerer erläuterte dem „Freundeskreis für Heimatpflege“, wie er 1980 an der Römervilla von Erlstätt das insgesamt vierte Mosaik gefunden hatte.

Grabenstätt - Heimatpfleger haben in Grabenstätt eine Tagung mit Exkursion abgehalten. Sie konnten viel über die römischen Gutshöfe früherer Zeit erfahren.

Unlängst startete der „Freundeskreis für Heimatpflege“ im Beisein von Kreisheimatpfleger Dr. Christian Soika und der ortsansässigen Archäologin Andrea Krammer südöstlich von Erlstätt zu einer „kleinen Bergtour“, um die einstige römische „villa rustica“ von Erlstätt zu besuchen. Auf halber Strecke erklärte der Grabenstätter Albert Multerer als ausgewiesener Kenner dieses römischen Gutshofes, dass man sich hier auf der einstigen Zufahrtsstraße befinde, die zur nahen römischen Staatsstraße Augsburg-Salzburg, der „Via Julia“, geführt habe.

Oben am einstigen Standort des 30 mal 50 Meter großen Hauptgebäudes angekommen, erinnerte Multerer daran, wie er hier 1980 in einem Erdhaufen zunächst auf einzelne Mosaiksteine gestoßen und dann das ganze Mosaik zum Vorschein gekommen sei.

Seit 1813 wurden bei Erlstätt vier römische Mosaike entdeckt

Mitgebrachte Mosaiksteine, die Albert Multerer am Standort der einstigen „villa rustica“ von Erlstätt in frühere Zeit gefunden hatte.

Nach dem ersten Mosaikfund von Antiochus Fletz 1813 und den 1889/1890 von August Gebhardt an der etwas tiefer gelegenen „Gebhardt-Villa“ aufgefundenen beiden Exemplaren, habe er das vierte und bisher letzte Erlstätter Mosaik entdeckt, so Multerer. Bei der Rekonstruktion anhand von Fotos seien ausschließlich vor Ort aufgefundene lose Steinchen verwendet worden, das Original-Mosaik befinde sich selbst nach 2000 Jahren noch fast unbeschadet im Erdreich. Auch wenn den von Gebhardt vor weit über 100 Jahren an der „Gebhardt-Villa“ durchgeführten, recht gut dokumentierten archäologischen Untersuchungen bis heute keine ordentlichen Ausgrabungen gefolgt seien, wisse man ziemlich gut über die Erlstätter „villa rustica“ Bescheid.

Luxuriöse villa rustica mit allem Komfort

So verfügten drei der fünf lokalisierten Gebäude über Hypokaustanlagen, sprich antike Wand- und Fußbodenheizungen. Der Luxus dokumentiere sich auch in den Wandmalereien, Glasfenstern, tönernen Dachziegeln und allen voran einer Therme mit fließendem Wasser, so Multerer.

Von so einer „hochwertigen Wohnkultur“ hätten die Chiemgauer noch vor 100 Jahren nur träumen können. Bei der Führung kamen zwar keine Mosaiksteinchen zu Tage, dafür aber ein Stück römischer Wandputz. Nachdem Multerer die Umrisse der „Gebhardt-Villa“ und des am Fuße des Hügels befindlichen römischen Therme abgegangen war, machte man sich auf den Weg zur Grabenstätter Schlossökonomie. Dort referierte die provinzialrömische Archäologin Andrea Krammer als Expertin in Sachen Römervillen des Voralpenlandes über die keltische und römische Vergangenheit des Chiemgaus und blickte auch immer wieder über den regionalen Tellerrand hinaus.

Alle zwei, drei Kilometer ein römischer Gutshof

Es sei davon auszugehen, dass zwischen dem Chiemsee und Salzburg alle zwei, drei Kilometer ein römischer Gutshof gestanden habe, die aber natürlich nicht alle so luxuriös ausgestattet gewesen seien, wie jener von Erlstätt. Die große Anzahl an Landgütern sei nötig gewesen, um die umliegenden Siedlungen und die Verwaltungsstadt Salzburg (Juvavum) mit Lebensmitteln zu versorgen. Oft hätten Veteranen nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst ein Stück Land bekommen, um ihren Lebensabend außerhalb der Stadt verbringen zu können.

Entscheidend für die Standortwahl, sei aber nicht nur die schöne Landschaft mit einem malerischen Blick in die Berge gewesen, sondern auch ganz praktische Kriterien, wie eine enge Anbindung ans römische Straßennetz, fruchtbare Böden und eine gute Wasserversorgung. Dass man in Erlstätt oberirdisch keine Mauerreste mehr ausmachen könne, liege daran, dass hiesige Bauern in den vergangenen Jahrhunderten die Steine als billiges Baumaterial für die Errichtung ihrer Höfe verwendeten. Die markanten Terrassen an den Hängen um Erlstätt „sind römische Weinberge gewesen“, betonte Krammer, die davon ausging, dass in der „villa rustica“ von Erlstätt bis zu 30 Menschen lebten und arbeiteten.

Albert Multerer wandelt seit über 30 Jahren auf den Spuren der Römer

Jahrzehntelang hatte Albert Multerer, der die Heimatpfleger auch durch das Museum führte, Fundstücke aus der Römerzeit und vor allem von der einstigen Römervilla in Erlstätt zusammengetragen. Kreisheimatpfleger Dr. Christian Soika unterstützte ihn dabei vor über drei Jahrzehnten als Student. Unter anderem basierend auf dem Nachlass von Lehrer Karl Schefczik, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv mit der „villa rustica von Erlstätt“ beschäftigte, ist dann das Soika-Buch zur Vor- und Frühgeschichte Grabenstätts und Erlstätts entstanden. Mit Hilfe modernster geophysikalischer Untersuchungsmethoden mit Magnetometer, Erdwiderstandsmesser und Boden-Radargeräte sind in den vergangenen Jahren viele der damals aufgestellten Vermutungen bestätigt worden. Ab 1982 konnte man die römischen Fundstücke, darunter Baumaterialen, Werkzeuge und andere Gebrauchsgegenstände auf Anfrage im Privatmuseum der Familie Multerer besichtigen.

Seit 2012 Römermuseum in der Schlossökonomie in Grabenstätt

Mit der Vorgabe sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat Multerer seine Sammlung nach genau 30 Jahren der Gemeinde Grabenstätt überlassen und am 3. August 2012 konnte das lang ersehnte neue Römermuseum in der Schlossökonomie eröffnet werden. Prunkstücke sind die vier Mosaik-Rekonstruktionen, die nicht nur besichtigt, sondern sogar betreten werden dürfen. In einem Schaukasten ist zudem eine Kopie des Militärdiploms von Geiselprechting von 64 n. Chr. zu sehen, das als ältestes komplett erhaltenes Schriftdenkmal Bayerns gilt.

Ausgestellte Fibelrohlinge und Eingusskörper, zeugen von einer antiken Bronzegießerei in Erlstätt. Mit dem Mühlstein von Gutharting, dem einzigen ganz erhaltenen Mühlstein Bayerns, können Besucher selbst Korn mahlen. Alle Fundstücke sind katalogisiert und digitalisiert worden und können an einem Museums-PC noch genauer begutachtet werden. „Es ist nicht alltäglich“, dass eine Gemeinde ein Museum aus privater Hand übernehmen könne, stellte Bürgermeister Georg Schützinger klar. Der Familie Multerer gebühre dafür ein großer Dank.

mmü

Quelle: chiemgau24.de

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