Traunsteiner im Einsatz auf Philippinen

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Malaybalay/Philippinen - Zwei junge Traunsteiner halfen traumatisierten Kindern auf den Philippinen. Radek und Esther Geister arbeiteten neun Monate in einem Kinderheim.

„Es war eine ganz besondere Zeit für uns, an die wir uns wohl ein Leben lang zurück erinnern werden“ so das Fazit der beiden „Philippinen-Reisenden“ Radek und Esther Geister, die vor wenigen Wochen ihren Arbeitseinsatz in den Philippinen auf der größten südlichen Insel Mindanao beendeten.

Es ging alles ganz schnell im Oktober vergangenen Jahres für die angehende Grundschullehrerin und den künftigen Studenten für Evangelische Theologie. Um ein Jahr zu überbrücken und gleichzeitig etwas sinnvolles für andere Menschen zu tun, entschlossen sich die beiden Traunsteiner nach einem Missionsvortrag im Jugendhaus Oase in Traunstein (Träger CVJM Chiemgau e.V.) für die Mitarbeit als „Hauseltern“ in einem Mädchenheim in den Philippinen auf der Insel Mindanau in der Region Cagayan und später in Malaybalay und lernten in der Arbeit des unter der Leitung eines christlichen Missionswerkes aus der USA stehenden Hauses eine völlig andere Kultur in dem asiatischen Land kennen.

Kampf um das tägliche Überleben

Neben traumhaften weißen Stränden, enormen Reichtum, riesigen Ananasplantagen sahen sie auch die Kehrseite des Lebens eines Großteils der Bevölkerung, deren Tagesablauf von Armut, Not und dem Kampf um das tägliche Überleben geprägt ist. „Manche Menschen dort leben in Wohnungen, die bei uns nicht einmal als Geräteschuppen dienen würden“ meint Radek Geister nachdenklich. Um so mehr freuten sich die Beiden, als gleich bei der Ankunft ein verlorener Geldbeutel mit einem 300 US-Dollar Inhalt den Beiden von einem ehrlichen Taxifahrer nachgetragen wurde. „Bei der Armut hier ist das nicht gerade selbstverständlich wenn man bedenkt, dass der bei einer 6-Tage-Woche rund 6.000 Pesos verdient was umgerechnet knapp 90 Euro sind.“ Für die beiden Traunsteiner wie ein „Geschenk vom Himmel“ war das immerhin das Geld, das die Zwei für die monatlichen Fixkosten ihres von einem deutschen Freundeskreis getragenen Aufenthaltes benötigten. Ein Teil des monatlich zu zahlenden Betrages wurde auch dazu verwandt, die minderbemittelten freiwilligen philippinischen Mitarbeiter zu unterstützen, die die monatlichen Kosten teilweise nur schwer aufbringen konnten.

„Es war aber nicht nur die Kultur, die hier völlig anders war. Alles, die ganze Lebens- und Arbeitsweise ist mit unserer kaum vergleichbar“ so Esther Geister, die im kommenden Jahr in Wuppertal an einer Schule unterrichten wird. „Dreimal am Tag Reis zu Essen ist schon eine deutliche Umstellung für uns gewesen.“ Für die Mädchen in dem Heim, bedeutete das kein Problem; ganz im Gegenteil: Die größtenteils aus völlig verarmten Familien kommenden Kinder und Jugendlichen mussten oft um ihr Essen betteln oder hungern. Schlimmer noch ist aber, dass alle der derzeit 24 Hausbewohner im Alter von 8 bis 19 Jahren Opfer sexueller Gewalt geworden sind - und das größtenteils innerhalb der eigenen Familien. „Das Haus ist eine Zuflucht für sie geworden und bietet ihnen Schutz“ ergänzt Radek Geister. Für zusätzlichen Schutz sorgen eine hohe Mauer beim „Nehemiah House“, ein bewaffneter Wächter und ein Dobermann. Waren doch einzelne Täter, nachdem sie die Adresse der jungen Opfer ausfindig gemacht hatten, vor dem Haus aufgetaucht um die Kinder im Alter von meist wenig über zehn Jahren zu überreden von ihren gerichtlichen Anklagen wegen Vergewaltigung und Kindesmissbrauch abzusehen oder sie einzuschüchtern.

„Power out“

 „Wenn man hier lebt, lernt man Vieles in Deutschland wieder neu zu schätzen, was man hier als selbstverständlich hinnimmt“ meint Radek Geister nachdenklich. Angefangen von einem Straßenverkehr in den Philippinen, in denen „die Straßen eher Feldwegen gleichen und Regeln wie eine Rote Ampel offensichtlich nur als Vorschlag betrachtet werden“ bis hin zu regelmäßigen Stromausfällen die schon einmal mehrere Stunden die Nachbarschaft oder die ganze Stadt ins Dunkel tauchen. „Power out oder Black out“ sind hier die gängigen Begriffe auf der Insel.“ Die Wasserversorgung sei regelmäßig immer wieder ausgefallen. „Blöd wenn man da gerade beim Duschen ist“ meint er und spricht aus eigener Erfahrung.

Und so war das Leben von den Beiden geprägt von „Spontanität, Kreativität, Flexibilität, guten Einfällen und einer großen Portion Gelassenheit“ wie die Beiden den Umgang mit den kulturellen Unterschieden und den veränderten Lebensbedingungen umschreiben.

Schockierende Zustände im Krankenhaus

Bewegt zeigten sich die Beiden auch von den Zuständen im örtlichen Krankenhaus. Bis zu 20 Kranke seien in den Zimmern gelegen, oft teilten sich drei Patienten ein Bett in dem Land, das von einer mit Deutschland vergleichbaren medizinischen Grundversorgung für die verarmte Bevölkerung weit entfernt ist und deren Leistungen oft kaum erschwinglich sind. „Vor dem Krankenhaus haben sich lange Schlangen von Menschen gebildet, die hinein wollten, im Krankenhaus lagen viele Patienten mit offenen Wunden auf dem Gang und wurden von ihren Familien versorgt“ schildert Esther Geister einen Besuch in dem staatlichen Krankenhaus. 

Besuch aus Deutschland

Eine willkommene Abwechslung für das junge Paar, deren Eltern ursprünglich aus Kanada (Esther) und Tschechien (Radek) stammen und seit vielen Jahren in Traunstein leben, war im Frühjahr der Besuch aus Bayern. Christian und Samuel Ebert aus Trostberg sowie Jakob Wasserthal aus Kammer besuchten die Beiden um sich die Arbeit anzusehen und Zeit mit den beiden „Wahl-Filipinos“ zu verbringen. „Die drei wurden beim Bau einer Überdachung für den Waschbereich und dem Bau eines Kanalsystems gleich richtig eingespannt wurden“ schmunzelt Radek, der neben der Arbeit als Mathematiklehrer, Hausmeister, Fahrer, Mechaniker, Koch, Bauarbeiter und Erntehelfer in der Ananasplantage immer wieder mal Zeit fand, auf dem Wasserbüffel zu „reiten“. Zuletzt machten auch noch die beiden jungen Weltenbummler Roman Geister (Radeks Bruder) und dem Traunsteiner Maxi Dollner bei ihnen drei Wochen lang „Station“ in den Philippinen und konnten sich einen Einblick über das dortige Leben verschaffen und beim Bau eines neuen Geräteschuppens mit Hand anlegen.

Die Schicksale und das Verhalten der einzelnen Mädchen haben Esther und Radek Geister tief bewegt. „Sie waren enorm fröhlich und dankbar.“ Der christliche Glaube habe den Mädchen in all ihren traumatischen Erlebnissen positiv geprägt und ihnen Halt und Sicherheit gegeben. „Egal ob sie Wäsche waschten oder putzten. Sie haben unsere christlichen Loblieder gesungen und Gott für die ihnen zuteil gewordene Hilfe gedankt.“ Ein Dank, der sich auch an die beiden vierundzwanzigjährigen Traunsteiner richtete: „Sie waren sehr berührt, dass wir aus Deutschland gekommen waren um mit ihnen zu arbeiten.“

Kinder sitzen ihren Peinigern gegenüber

Wenig Schutz finden die Kinder offensichtlich in dem philippinischen Rechtssystem, in dem die Kinder gezwungen sind, in öffentlichen Prozessen im Gericht gegen ihre Peiniger auszusagen: „Eines der Mädchen, Sheilla Mae, die von ihrem Vater und ihren Brüdern missbraucht wurde, saß ihrer ganzen Familie gegenüber, die behauptete dass sie lüge. Hier scheint es kaum Schutz für die Kinder zu geben.“

Manche der philippinischen Mädchen konnten, nachdem die Missbrauchsfälle gerichtlich aufgeklärt wurden, in der Zeit wieder zu ihren Familien zurück geschickt werden. „Bei manchen ist es aber nicht mehr möglich, weil die Familien die Kinder auch aufgrund der finanziellen Verhältnisse nicht mehr aufnehmen können. „Das ist oft enorm kompliziert.“

Schweinebraten mit Knödel

Spannend waren für die Beiden auch das Feiern der traditionellen Feste wie beispielsweise Weihnachten auf philippinisch. Aber auch der Geburtstag Radek's wurde zumindest kulinarisch zu einem deutsch-bayerisch-philippinischen Fest umfunktioniert: Schweinebraten mit Knödel und Blaukraut war für die an Reis und Gemüse gewöhnten Filippina mindestens so originell wie die philippinischen Spagetti, die mit Würstel und Zucker gekocht werden und für die „Joe's“ - wie die Weisen, die in den Augen der Einheimischen immer aus Amerika kommen und 'Joe' heißen – ungewöhnlich aber wohlschmeckend sind.

Die Unterschiede sind auch im Schulsystem erkennbar, das von teils schlechten staatlichen Schulen und für Filipinos schwer finanzierbaren Privatschulen geprägt ist. Klassenstärken bis 60 Schüler seien hier die Regel, nach gemeinsamen Schulgebet und dem Singen der Nationalhymne folge ein Ritual, das die Schüler darauf einstimmt, den Lehrern zu gehorchen. „Das ist wie ein Eid, der da gesprochen wird“ erläutert die auf deutsche Lehrverhältnisse eingestellte Lehrerin Esther Geister. Viele der Kinder waren über Jahre hinweg nicht mehr in der Schule. Durch den Unterricht mit den Beiden haben manche Mädchen wieder neuen Mut geschöpft, in die Schule „einzusteigen“ und zu lernen.

Wichtige Lebenserfahrungen gesammelt

Fragt man die beiden Asienreisenden, die seit gut zwei Wochen wieder zurück in Traunstein sind, wie es ihnen in der Rückschau auf die Zeit in den Philippinen gegangen ist antworten Beide übereinstimmend, dass die Zeit für sie neben all der Hilfe, die sie bringen konnten vor Allem auch eine persönliche Lehrzeit war: Das was wir gelernt haben, lernt man nicht in      1 000 Workshops.“ Sie hätten erlebt, dass es auf unserer Welt auch eine „andere Welt“ gäbe, die für uns vom westlichen Wohlstand geprägten Menschen teilweise schwer verständlich und nicht einfach sei. „Nicht so sehr wir haben die Welt verändert, sondern die Welt uns.“

Andreas Wittenzellner

Quelle: chiemgau24.de

Rubriklistenbild: © Andreas Wittenzellner

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