Bus fuhr in Bergen wieder leer ab

Flüchtlinge verweigern Umzug: Wie geht's nun weiter?

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Bergen - Der Staat will sparen und kündigt teure Beherbergungsverträge bei Asylheimen: Eine Gruppe Asylbewerber verweigerte am Mittwoch den Umzug nach Petting.

Update 16.15 Uhr:

"Do you want to go to Petting? No? Die wollen nicht. Dann sollen's machen was sie wollen." Florian Amann versuchte es, doch gab relativ schnell wieder auf. Der Abteilungsleiter für Kommunales und Soziales im Traunsteiner Landratsamt scheiterte, als er 21 Asylbewerber am Mittwochnachmittag in Bergen dazu überreden wollte, in eine andere Unterkunft nach Kühnhausen bei Petting umzusiedeln. Der angeforderte Bus fuhr wieder leer vom Dorfplatz ab.

Fotos aus Bergen: Flüchtlinge verweigern Umzug nach Petting

Das Problem: Die Flüchtlinge fühlen sich in Bergen gut integriert, leben seit knapp drei Jahren in der Ortsmitte. Weil die Staatsregierung die Pachtverträge mit dem alten Gasthof Hochfelln aber nicht verlängerte und eine andere Unterkunft in Kühnhausen nun bereit steht, sollen sie umziehen. Doch das dortige Haus ist etwas abgeschieden, drei Kilometer von Petting entfernt. Ob Integration so genauso gut gelingen kann?

Wie geht es nun weiter?

Bleiben die Asylbewerber standhaft könnten ihnen Konsequenzen drohen. Denn ob sie umziehen oder nicht: Ihre neue Anschrift lautet ab heute "Kühnhausen". "Die dortige Unterkunft ist für sie verpflichtend. Wenn die Flüchtlinge dort nicht einziehen, erhalten sie früher oder später keine Leistungen mehr", so Roman Schneider, der Pressesprecher des Landratsamtes. 

Die Flüchtlinge müssen nun auf eigene Faust nach Petting kommen: "Wir haben ihnen den öffentlichen Busfahrplan dafür ausgehändigt", so Schneider. Wie die Asylbewerber in Bergen nun weitermachen war am Mittwochnachmittag noch offen: Im Raum stand ein Camp am Dorfplatz oder ein Unterschlupf bei Leuten des Helferkreises. Nach Angaben des Landratsamtes dürfen sie in ihrer bisherigen Unterkunft aber nicht mehr übernachten. 

Unterstützung aus der Bevölkerung

"Es ist gut, dass sich die Flüchtlinge widersetzen und Mut zeigen", hieß es vom Helferkreis. Rund 30 Bergener solidarisierten sich am Mittwoch mit den Asylbewerbern. Am Haus in Kühnhausen selbst stört sich wohl niemand, doch die abgeschiedene Lage am Waginger See bereitet ihnen Kopfzerbrechen. Das Landratsamt betont hingegen, dass es täglich bis zu sieben Busverbindungen nach Waging und Traunstein gäbe.

Fotos: Flüchtlingsheim Kühnhausen von außen und innen

Auch die Betreiber des Gasthof Hochfelln bedauern die Lage: "Mitte April kam das Landratsamt noch auf uns zu, es ging um einen günstigeren Preis. Da dachten wir, es wäre alles geregelt." Kurz darauf kam dann aber die Absage. Für das Haus bei Petting gäbe es nach Angaben des Landratsamtes dagegen schon seit Monaten einen Nutzungsvertrag mit der Gemeinde. "Wir müssen auch überlegen, was kostet wie viel", so Florian Amann. Mit anderen Asylbewerbern könne man das Anwesen nicht belegen, weil die Flüchtlingszahlen im Landkreis wieder sinken: "Und Petting ist als Ort ja wirklich akzeptabel."

Unser Artikel vom Mittwochvormittag:

Schon seit etwa drei Jahren werden zwei alte Hotels in Bergen als Flüchtlingsunterkünfte genutzt: Die Bewohner sind integriert, die Kinder besuchen Schulen und Kindergärten, auch Freundschaften zwischen Einheimischen und Zugezogenen entstanden. Doch die Staatsregierung will sparen und kündigt nun Beherbergungsverträge bei Asylbewerberheimen. Zuletzt in Wäschhausen bei Trostberg, nun auch in Bergen. 

21  Flüchtlingen droht deshalb am heutigen Mittwoch die Zwangsverlegung von Bergen nach Kühnhausen bei Petting. 19 stammen aus dem Senegal, jeweils einer aus Pakistan und Kongo. "Die Bewohner sollen in einer baufälligen Immobilie mitten im Wald untergebracht werden, über sieben Kilometer von der nächsten Einkaufsmöglichkeit entfernt", so Oliver Schulte, der sich in Bergen für die Asylbewerber einsetzt. 

Widerstand am Dorfplatz gegen den Umzug

Im Inneren wurde bereits renoviert.

Um 14 Uhr soll die "Zwangsräumung" über die Bühne gehen: "Aber die Flüchtlinge werden sich friedlich widersetzen und die Busse nicht besteigen", so Schulte. Man will sich dagegen auf dem Dorfplatz versammeln, hofft auf eine "menschenwürdige Lösung" und sperrt sich dagegen, aus dem sozialen Umfeld gerissen zu werden. "Der neue Standort bedeutet für diese Menschen ohne Autos die soziale Isolation. Die erfolgreiche Integration der vergangenen Jahre wird dadurch zerstört", so Schulte. 

Das Landratsamt betont, dass die Kündigung von Beherbergungsverträgen wegen der sinkenden Zahlen ankommender Flüchtlinge keine Einzelfälle mehr seien - auch wenn der Pächter in Bergen anbot, die Pacht zu reduzieren. Außerdem sollen acht weitere Asylbewerber, die schon einer Arbeit nachgehen, eine Unterkunft im nahen Bernhaupten erhalten.

Das in den 1930er-Jahren erbaute Haus in der Nähe des Strandbades wurde von der Gemeinde Petting innen bereits wohnlich hergerichtet, verfügt über mehrere Mehrbett-Schlafzimmer sowie gemeinschaftliche Küche, Aufenthaltsräume, Duschen und WC. Der Brandschutz ist gewährleistet. Das Objekt wurde mit Rauchmeldern ausgestattet und verfügt über zwei Fluchtwege.

chiemgau24.de wird am Nachmittag von den Protesten in Bergen berichten.

xe

Quelle: chiemgau24.de

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