Wiesn-Bedienung mit Gottesberufung

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Rainer Schießerl, die Wiesn-Bedienung mit Gottesberufung.

Berchtesgaden - Rainer Schießler ist ein waschechter Priester. Im Sommerurlaub ist der im Münchner Glockenbachviertel beheimatete Gottesmann aber auf dem Oktoberfest zu finden.

Berchtesgadener Kirchentag, Bräustüberl, Rainer Schießerl, der „Wiesnpfarrer“, ist zu Gast. Ein witziger Typ, anders als man sich einen gewöhnlichen Priester so vorstellt. Lockeres Mundwerk, einnehmendes Auftreten. Den Berchtesgadener Pfarrer Peter Demmelmair kennt er seit 30 Jahren, er schätzt ihn, lange Zeit kreuzten sich ihre Wege aber nicht mehr. Schießerl, „zuhause“ in der Pfarrkirche Sankt Maximilian in München, verlässt die Wege Gottes so manches Mal. Immer dann, wenn er Urlaub hat. Zur Wiesnzeit, im September. Wenn der Durst der Menschen nach Bier immer größer wird, legt Schießerl Jahresurlaub ein und wird zur Bedienung am Oktoberfest. Neujahrsempfang der CSU, 2006: Pfarrer Rainer Schießerl ist zu Gast, der Sohn des Schottenhamel-Festwirtes ist in direkter Nähe. Aus Spaß äußert Schießerl seinen Wunsch, mal auf dem Oktoberfest zu arbeiten. „Mich interessierte, was das für Leute sind, die auf der Wiesn sind“, sagt er. Kein Problem, der Wunsch wird erhört. „Jetzt hab ich aber ein Problem“, dachte sich Schießerl damals. Aus Spaß wurde Ernst. Aus dem Wasser und Wein predigenden Priester wurde der Bier-Pfarrer, der Hendl-Rainer, einer von über 250 Bedienungen, die im Schottenhamel-Zelt während der Wiesnzeit bedienen.

„Von Deinen Schottenhamel-Ministranten“ – der Wiesnpfarrer ist zwischenzeitlich Kult.

„Das ist ein harter Job“, sagt er mit einem Lächeln. Ein einziges Mal wollte er den Versuch wagen, losgekommen ist er seitdem nicht mehr. 16 Tage in Folge ist der „Wiesnpfarrer“ dann am Stück Bedienung. „Ich mag keine Extrabehandlung“, sagt er, der Pfarrer, der mit dem Fahrrad zu seinem temporären Arbeitsplatz fährt. Von neun Uhr in der Früh bis um halb elf am Abend, Tag für Tag. 3500 Euro hat die Sache im letzten Jahr eingebracht. Das ist nicht die Regel. Im ersten Jahr waren es nur 2000 Euro. Auf Reisen gehen, sich seine persönlichen Wünsche erfüllen – falsch gedacht. Rainer Schießerl behält nichts von seinen finanziellen Einnahmen. Lotti Latrous, eine gute Freundin aus der Schweiz, unterhält an der Elfenbeinküste unter anderem ein Waisenhaus. Den dortigen Einrichtungen kommen die Beiträge zugute. Als Schießerl vom Waisenhaus erzählt, von Kindern, die neben ihren toten Eltern sitzen, warten, wird es ruhig im Bräustüberl.

Schießerl versucht zu helfen, auf seine Art. Nicht immer sehen das die Kirchenoberen gerne. Der „Wiesnpfarrer“ wurde bereits zum Gespräch gebeten, das Pfarrer- Dasein trüge durch seine Bedienungs-Tätigkeit Schaden. Dass dem nicht so ist, beweist Rainer Schießerl Jahr für Jahr aufs Neue. Mit bis zu 15 Maßkrügen, wobei der fünfzehnte zwischen den sieben Krügen jeder Hand eingeklemmt wird, bahnt sich der Gottesmann mit den kräftigen Händen seinen Weg durch die trinkfreudige Wiesnklientel. „Mittendrin statt nur dabei“ könnte Schießerls Motto lauten, der viele Anekdoten während des amüsanten Abends zu erzählen weiß. So ist sein Bekanntheitsgrad schon so weit gewachsen, dass er Autogrammkarten mit sich führt und wenn es die Zeit zulässt, diese dort verteilt. Die Leute fordern das.

21,80 Euro koste eine halbe Ente – „was da am Tag alles weggeschmissen wird, macht mich ganz fertig“, gesteht Schießerl, der jeden Tag mit Müsliriegeln und Obst zubringt. Er gesteht, dass man auf dem größten Volksfest der Welt verdienen könne „wie ein Blöder“, aber auch rackern müsse „wie ein Depp“. Besonderes Highlight: die wartenden Gäste vor dem Schottenhamel-Festzelt. „Man holt sich seine Gäste vom Absperrband ab“, sagt Schießerl. „Wer säuft was“, so seine Frage. Die, die dann am meisten ordern, sind die beste Kundschaft. Der Pfarrer lächelt, als er das sagt. Ein breites Grinsen ziert sein Gesicht, als er von internen Wetten unter den Bedienungen berichtet. „Wann speibt er, wie speibt er, speibt er sich an?“ - Alltag auf der Wiesn. Ein einziges Mal wollte er ursprünglich nur in die Rolle der gottesberufenen Bedienung. Das Ende ist noch nicht abzusehen. Wie lange er sich den „etwas anderen Urlaub“ auf dem Münchner Volksfest noch vorstellen könne? „Ich habe eine Frau im Pfarrhof, die hat einen Rollator, da passen sechs Maß drauf“, sagt Schießerl. Der Herr hat gesprochen.

Kilian Pfeiffer

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