„Vorsicht, bissige Küchenchefin!“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Arbeit mit der Feldküche.

Berchtesgadener Land - Immer mehr Männer wagen sich in die berüchtigte Frauendomäne Betreuungsdienst vor. Hier haben aber die Frauen im Roten Kreuz die Hosen an.

Der Betreuungsdienst der BRK-Bereitschaften im Berchtesgadener Land ist seit Jahren fest in weiblicher Hand; die Arbeit der energischen Damentruppe rund um Fachdienstleiterin Petra Rautter und Ausbilderin Christa Glaser besteht aber aus weitaus mehr als Hausfrauenkunst an der Gulaschkanone. Die freiwilligen Rotkreuzlerinnen kümmern sich bei größeren Schadensereignissen um die oft zahlreichen Betroffenen und Unverletzten, sorgen für Verpflegung, Soziales und Unterkunft. Auch immer mehr interessierte Männer wagen sich zaghaft in die vermeintliche Frauendomäne vor.

Im Schatten der Aufmerksamkeit

„Rotkreuz-Arbeit ist weitaus mehr als Rettungsdienst oder Sanitätsdienst; wir haben ein komplexes und abgestuftes Hilfeleistungssystem, in dem auch Betroffene und Unverletzte nicht vergessen werden“, erklärt Kreisbereitschaftsleiter Andreas Rautter. Der Betreuungsdienst der BRK-Bereitschaften steht oft im Schatten der Aufmerksamkeit, wenn es bei einem Unglück Tote und Verletzte gibt. Die Helfer müssen sich im Einsatzfall aber auch um die Unterkunft und Versorgung von Unverletzten und evakuierten Menschen kümmern. Hier beginnt die Arbeit von Petra Rautter und ihrem Team: Die Einsatzkräfte sorgen mit ihrer Feldküche für die Massenverpflegung und können mit Zelten und Feldbetten eine vorübergehende Notunterkunft einrichten. Im Berchtesgadener Land betreiben die BRK-Bereitschaften an sechs Standorten Schnell-Einsatz- Gruppen (SEG´n), die bei größeren Schadenslagen unter anderem die Aufgaben im Sanitäts- und Betreuungsdienst übernehmen.

Da bekommt mancher Mann schnell Angst

„Beim uns sind aber nicht nur Sanitäter gefragt. Wir haben Anfragen von Männern und Frauen über 50, die sich für etwas wirklich Sinnvolles und Wichtiges ehrenamtlich einsetzen wollen, denen die Arbeit an vorderster Front am schwer Verletzten oder erkrankten Patienten aber einfach zu nervenaufreibend ist. Im Betreuungsdienst blühen sie dann auf“, freut sich Rautter, die ihr Team gerne weiter ausbauen würde und laufend externe Interessierte sucht, die die Arbeit im Roten Kreuz näher kennenlernen wollen. Bei so viel amazonenhafter Frauenpower bekommt mancher Mann schnell Angst; und tatsächlich: In der von Herren dominierten Welt der Einsatzorganisationen hatten es die Damen aus Teisendorf nicht immer leicht. Sie mussten gegen Vorurteile ankämpfen, viel Überzeugungsarbeit leisten und besser sein, als ihre männlichen Kollegen. Im Stüberl des Ainringer Rotkreuz-Heims hängen ein paar Eisenhandschellen, darunter steht auf einem Schild mit einer Kette „Vorsicht, bissige Küchenchefin! Fachdienstleiterin Betreuungsdienst Christa Glaser“. Das Relikt aus alten Zeiten ist ein Geschenk des damaligen Kreisbereitschaftsleiters Ludwig Wetzelsberger, der die mythenbehafteten Betreuungsfrauen damit am liebsten symbolisch an ihren Feldhochherd fesseln wollte. Der energische Umgangston im Küchenteam und die Arbeit streng nach Hygienevorschriften bei der Essensausgabe war manchem altgedienten Sanitäter damals noch zu viel des Guten. Mittlerweile arbeitet Wetzelsberger selbst begeistert bei der „bissigen Küchenchefin“ mit und die professionelle Arbeitsweise ist längst Standard. „Massenverpflegung ist ein sensibler Bereich; ohne eine strikte Führung und die entsprechende Planung geht da nichts“, erklärt Ausbilderin Christa Glaser, die Mutter des Betreuungsdienstes im Landkreis, die den Fachdienst mit der notwendigen Disziplin und Zielstrebigkeit über Jahre hinweg aufgebaut hat.

Die Männer fasziniert vor allem die moderne Technik

Männlichen Zustrom bekommen die Betreuerinnen vor allem aus ihren Kursen. „Die Arbeit in Petra Rautters Team macht richtig Spaß“, meint Stefan Lackner von der BRK-Bereitschaft Ainring. Der 21-Jährige hat am Wochenende in Ainring an einem Grundlehrgang Betreuungsdienst teilgenommen, den jeder Helfer der Bereitschaften im Rahmen seiner Grundausbildung absolvieren muss und ist seitdem richtig begeistert. Im sozialen Netzwerk Facebook hat er sein Profilbild durch das Betreuungsdienst-Fachdienstabzeichen ersetzt. „Den Jungs gefällt am Betreuungsdienst vor allem die Technik“, meint Christa Glaser, die den Kurs als Ausbilderin durchgeführt hat. Die Truppe verfügt über richtig gute und moderne Ausrüstung: Ein kompletter Betreuungszug mit zwei Fahrzeugen, einem Feldkochanhänger und jeder Menge Ausrüstung zur Massenverpflegung und für Notunterkünfte ist an den BRK-Häusern Teisendorf und Ainring stationiert.

Rollenspiele: Mütter mit Säuglingen, Blinde und Rollstuhlfahrer betreuen

An der Helfergrundausbildung in Ainring nahmen insgesamt 16 Einsatzkräfte der BRK-Bereitschaften Bad Reichenhall, Freilassing, Ainring und Teisendorf teil. In 16 Unterrichtseinheiten lernten sie die Strukturen des Betreuungsdienstes kennen: Wer, wann und wo bei Schadenslagen die Betroffenen registriert und wie man in der Theorie und auch in der Praxis eine Verpflegungsausgabe aufbaut. „Die Teilnehmer haben die Abläufe mit viel Spaß und Begeisterung selbst organisiert“, freut sich Glaser. Am zweiten Tag stand die Betreuung von unverletzt Betroffenen und deren Unterbringung im Mittelpunkt der Ausbildung. So mussten die Helfer sich in Rollenspielen mit besonders Hilfsbedürftigen, wie Mütter mit ihren Säuglingen, älteren Menschen, Blinden und Rollstuhlfahrern beschäftigen. Auf den Plänen des BRK-Heims Ainring wurde die Unterbringung unverletzt betroffener Personen theoretisch durchgespielt. Nach zwei kurzweiligen Tagen ging der Lehrgang am Sonntagnachmittag zu Ende. Am 19. und 20. März sowie am 9. und 10. April 2011 soll im Landkreis ein Fachlehrgang Betreuungsdienst für aktive Mitglieder der BRK-Bereitschaften stattfinden. Beim Christkindlmarkt in Teisendorf können sich die Besucher an den Wochenenden von den Kochkünsten der Rotkreuzler selbst überzeugen: „Es wird Kaspressknödel, Sauerkraut und Kartoffelsuppe geben, natürlich alles aus der Feldküche“, versichert Christa Glaser. „Unserer Arbeit erfordert oft mehr Geduld und ist zeitaufwendiger als im Rettungs- und Sanitätsdienst, da wir uns länger mit den Betroffenen beschäftigen müssen; spannend und abwechslungsreich ist sie aber genauso. Wir sind länger mit den Leuten zusammen und können intensiver auf die Menschen eingehen; dadurch haben wir die einzigartige Chance, den eigentlichen Rotkreuz-Gedanken der Menschlichkeit richtig zu leben“, erklärt Petra Rautter. Wer Interesse an einer aktiven Mitarbeit im Betreuungsdienst hat, kann sich unter der Telefonnummer +49 (0) 8651 9590-0 in der Kreisgeschäftsstelle des Roten Kreuzes melden.

Pressemitteilung Bayerisches Rotes Kreuz

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser