Traditionsschießen mit dem Weichholzzapfen

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Berchtesgaden - Auf eine 350-jährige Tradition blickt Rudi Koller, der Vorsitzende der Vereinigten Weihnachtsschützen Berchtesgadener Land, zurück.

Er ist stolz, dass diese Tradition bis heute erhalten wurde. Etwa das Christkindlschießen, das an diesem Wochenende beginnt und die Geburt von Jesus Christus ankündigen soll. „Das ist der Höhepunkt des Schützenjahres“, sagt Koller, der über 17 Weihnachtsschützenvereine wacht. 3169 Mitglieder zählen sie. Tendenz: steigend.

„In letzter Zeit interessiert sich die Jugend wieder vermehrt für unser Brauchtum“, weiß Koller, der in seinen Kreisen unter dem Namen „Zapfen-Rudi“ bekannt ist. Jahrelang hatte er auf höchster politischer Ebene Gefechte auszutragen. Ob man denn nun mit Weichholzzapfen schießen darf – oder nicht. Viele Gutachten, Briefwechsel und Probeschießen später ist das Recht auf Kollers Seite. „Im inneren Landkreis dürfen wir mit Weichholzzapfen arbeiten.“ Der Tradition wegen.

Einzigartiger Brauch

Rudi Koller hatte bereits ans Aufhören gedacht. Seit 2006 hat er den Vorsitz der Vereinigten Weihnachtsschützen inne. Dann ein schwerer Motorradunfall. Koma, zahlreiche Operationen. „Mir geht es wieder gut“, sagt Koller. Von einem „Mordszulauf“ bei den Vereinen berichtet er. Denn das Schießen steht im Vordergrund, die Vereinszugehörigkeit, das Gesellige. 17 Vereine hat er unter sich, der kleinste mit etwa 50 Mitgliedern, der größte, die Schönauer Weihnachtsschützen, mit etwa 420. 1925 wurde die Vereinigung gegründet. „Die war notwendig, weil wir jedes Jahr Schwarzpulver benötigen“, sagt Koller. Und da ist es günstiger, im Verbund zu kaufen. Etwa 8,50 Euro kostet ein Kilogramm Schwarzpulver. Bei einem Bedarf von über zwei Tonnen lässt sich da schon der eine oder andere Euro sparen, weiß der Vereinigungsvorstand. Auf Heimatpflege und auf Tradition ausgerichtet ist das Weihnachtsschützen-Dasein. Aktiv werden die Mitglieder nur an großen, kirchlichen Feiertagen. An Pfingsten etwa, am Heiligen Abend oder um das alte Jahr raus- und das neue Jahr reinzuschießen. Das Christkindlschießen gilt als einzigartiger Brauch. Eine Woche vor Heilig Abend geht es los. Am Sonntag, Punkt 15.00 Uhr schießen die Weihnachtsschützenvereine gemeinsam von verschiedenen Schützenständen aus. Und beschallen dabei den gesamten Berchtesgadener Talkessel mit Böllersalven, mit Einzelfeuer. Mit zunehmend größer werdender Intensität. Denn das Ereignis, das angekündigt wird, ist ein kirchliches Hochfest. Am 24. Dezember findet dann der Höhepunkt beim sogenannten Mettenschießen statt. Eine halbe Stunde wird durchgehend geschossen, immer kräftiger, höhere Salven, um Punkt Mitternacht ist mit einem Mal Schluss. „Darauf freut sich ein

Rudi Koller

Schütze das ganze Jahr über“, bestätigt Koller. Auch zu anderen Anlässen, etwa bei Hochzeiten, werden die Schützen aktiv. Das Brautwecken hat Tradition. „Der Ursprung liegt lang zurück“, sagt er. Früher ging die Nachbarschaft zum Wecken. Damit das Brautpaar nicht verschläft. Wenn allerdings erst am Nachmittag geheiratet wird, fällt das Brautwecken aus. „Dann ist Verschlafen kaum möglich“, scherzt der Vorstand. Jedes Schießen muss im Vorfeld bei der Polizei angemeldet werden. Zu Problemen komme es dabei nie. Verantwortlich ist beim Böllerschießen der Schützenmeister, der über die richtige Abfolge wacht und das Schwarzpulver aushändigt. Übrig gebliebenes Schwarzpulver muss offiziell nach Silvester wieder abgegeben. Denn privat zu böllern, ist verboten. Eine große Zahl an Sicherheitsregeln für Böllerschützen soll dafür sorgen, dass Unfälle ausbleiben. Verhindern lassen sich diese nicht. Gefährlich sei es schon, sagt Koller. Obwohl: „Der Böller ist keine Waffe.“ Das sagt der Zapfen-Rudi.

Kampf um den Zapfen

Nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht hat er in der Vergangenheit gekämpft. Auch für seine Schützen. Der Zapfenstreit hat damals große Wogen geschlagen. Dabei ging es um Weichholzzapfen, die zur Verdämmung in den Böller geschlagen werden. Das Schwarzpulver wird dadurch gepresst, verbrennt besser. Der Zapfen fliegt bei der Explosion des Schwarzpulvers nach vorne weg oder zersplittert. „Deshalb lassen wir nach vorne auch 100 Meter Abstand. 50 Meter seien notwendig. Eine Gefährdung Dritter gibt es nicht“, sagt Koller. Hinzu kommt: Jeder Schütze unterschreibt bei der Annahme des Schwarzpulvers, dass er die Sicherheitsregeln einhalte. Einen Vorteil hat der Zapfeneinsatz, meint Koller: Der Schütze erkenne dadurch, dass eine Ladung auch wirklich abgefeuert ist.

Das Bayerische Sozialministerium, das auch für das Sprengstoffrecht zuständig ist, verschärfte die Sicherheitsregeln, wollte den Einsatz des Weichholzzapfens verbieten. Begründung: Weil die Energie, die im Zapfen liegt, selbst nach zehn Metern nach Austritt einen kritischen Wert übersteige und als gefährliches Geschoss eingestuft wurde. Koller erachtete diese Begründung für fadenscheinig. „Wir wollten ihnen beweisen, dass dem nicht so ist“, sagt er rückblickend. Der Beweismarathon nahm seinen Lauf. Gesprächstermine, Gutachtenerstellung. Bei einem Probeschießen im Hagenauer Forst musste Koller auf einer Schießanlage beweisen, dass das Sozialministerium mit seiner Annahme falsch lag. Seit Januar 2011 gibt es eine Neuauflage der Sicherheitsregeln für Böllerschützen. Der Weichholzzapfen ist erlaubt. Wenn auch nur im südlichen Landkreis des Berchtesgadener Landes. Auch zur Wahrung der Tradition. „Wir schießen seit 350 Jahren so“, sagt Koller. Den restlichen 17.000 bayerischen Böllerschützen ist der Einsatz nicht erlaubt. „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das durchkriege“, sagt Koller, der „Zapfen-Rudi“, mit einem Lächeln. Jetzt ist er froh, dass die Angelegenheit ausgestanden ist. Das Christkindlschießen wird also traditionell mit dem Weichholzzapfen stattfinden.

kp

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