Der schwerste Augenblick meiner Dienstzeit

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Oberstleutnant Nikolaus Carstens

Bischofswiesen - Standortwechsel für Oberstleutnant Nikolaus Carstens. Nach zwei Jahren in Bischofswiesen wird er Chef bei den Gebirgsjägern. Ein Interview:

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Nach zwei Jahren verlässt Oberstleutnant Carstens den Bundeswehrstandort in Bischofswiesen und wird Chef des Stabes der Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall. Mit seinen Soldaten war er von Oktober 2010 bis März 2011 im Afghanistan-Einsatz und hat dort auch den Tod von drei Soldaten miterlebt. Im Gespräch erinnert er sich.

Bilder: Kommandoübergabe in Strub:

Kommandoübergabe in der Strub

Herr Carstens, bis Donnerstag waren Sie Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 232. Nun die Kommandoübergabe. Warum?

Oberstleutnant Nikolaus Carstens: Kommandoübergaben bei der Bundeswehr gehören eigentlich zum militärischen Alltag. Die Zeit an der Spitze eines Verbandes ist in der Regel auf zwei Jahre begrenzt. Da ich gut zweieinhalb Jahre das Bataillon führe, war absehbar, dass die schöne Zeit in der Strub ein Ende finden muss. Der Wechsel kommt auch zu einem guten Zeitpunkt, da wir die Nachbereitung des letzten Einsatzes in Afghanistan abgeschlossen haben und jetzt schon der nächste Einsatz im Jahr 2013 in den Blickpunkt der Ausbildung rückt. Dies bietet meinem Nachfolger die Möglichkeit, sich in der neuen Verwendung einzufinden und das Bataillon zielgerichtet auf den nächsten Einsatz nach seinen Wünschen vorzubereiten.

Was ist in den vergangenen Jahren unter Ihrem Kommando passiert?

Carstens: Es war eine sehr bewegte Zeit mit sehr vielen schönen Momenten, aber auch mit einigen traurigen. Im Zentrum standen natürlich die Vorbereitung und die Teilnahme am Afghanistaneinsatz von Oktober 2010 bis März 2011 als Ausbildungs- und Schutzbataillon. Dies hat mich als Kommandeur sehr gefordert. Mir bleiben aber natürlich auch die öffentlichen Gelöbnisse in Bischofswiesen, in Schönau am Königssee und vor kurzem in Neuötting in guter Erinnerung, bei denen uns Soldaten die Unterstützung durch die Bevölkerung deutlich wurde. In meiner Zeit als Kommandeur hat sich das Bild der Kaserne durch die zahlreichen Baumaßnahmen sehr zum Positiven verändert, auch wenn noch nicht alle Maßnahmen abgeschlossen sind. Und natürlich freut es mich, dass ich noch miterleben konnte, dass der Standort Bischofswiesen in der neuen Struktur der Bundeswehr erhalten bleibt.

Sie waren, zusammen mit Soldaten und Soldatinnen aus der Strub, fünf Monate im Afghanistan-Einsatz. Dort verfolgten Sie eine neue Strategie – das „Partnering“. Mit Erfolg?

Carstens: Die Landkarte in der Provinz Baghlan, in der das Bataillon im gesamten Einsatzzeitraum eingesetzt war, hat sich während unseres Einsatzes sehr zum Positiven entwickelt. Die Sicherheitslage ist auch heute noch deutlich besser als zu Beginn des Jahres 2010. Insofern hat sich bislang auch die gewünschte Nachhaltigkeit eingestellt. Mit der Operation JADID haben wir neue Standards in der Zusammenarbeit mit den afghanischen Sicherheitskräften gesetzt. Das „Partnering“ war dabei der Schlüssel zum Erfolg. Natürlich ist es noch zu früh, darüber zu urteilen, ob wir auch selbsttragende Sicherheit erzeugt haben. Dies wird man erst beurteilen können, wenn alle ausländischen Truppen abgezogen sind. Wir haben jedoch unseren kleinen Beitrag geleistet, damit die afghanischen Sicherheitskräfte effektiver ihre Aufgaben in der Region wahrnehmen können.

Der Afghanistan-Einsatz dürfte Ihnen in schmerzhafter Erinnerung bleiben: Bei einem Angriff in einem Außenposten der deutschen Bundeswehr in Nordafghanistan sind im Februar dieses Jahres drei deutsche Soldaten getötet worden…

Carstens: Der Anschlag am 18. Februar 2012 am OP North in Baghlan war für uns alle natürlich ein großer Schock. Der Tod der drei Regener Kameraden war tragisch und der schwerste Augenblick in meiner Kommandeurszeit.

Müssen künftige Auslands-Einsätze anders angegangen werden? Ist das „Partnering“ ein Erfolgskonzept?

Carstens: Ich glaube, dass das veränderte Vorgehen der Bundeswehr in Afghanistan seine Früchte trägt. Zumindest konnten wir dies in unserem Kontingent beobachten. Das Partnering ist aus meiner Sicht alternativlos, denn im Kern muss es darum gehen, die afghanische Armee und Polizei dazu zu befähigen, dass sie zukünftig auch allein für Sicherheit sorgen können. Sie werden sich nur in die gewünschte Richtung weiterentwickeln, wenn wir sie ausbilden und eng mit ihnen zusammenarbeiten. Wie der 18. Februar 2011 gezeigt, ist dies nicht ohne Risiko. Die enge Zusammenarbeit hat uns aber in vielen Situationen vor Gefahren bewahrt. Das darf man nicht übersehen. Nicht eingetretene Ereignisse finden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig keinen Niederschlag, Ereignisse wie der 18. Februar jedoch schon. Damit werden häufig nur die negativen Seiten des „Partnering“ wahrgenommen. Das ist ein Problem und spiegelt nicht die Realität vor Ort wieder.

Erst kürzlich fiel die Entscheidung, dass der Bundeswehrstandort in Bischofswiesen/Strub erhalten bleibt. Was bedeutet das für den Ort, was bedeutet es für die dort Stationierten?

Carstens: Wir sind alle sehr froh über diese Entscheidung. Für Bischofswiesen bedeutet dies, dass die lange bestehende Tradition als Garnisonsgemeinde weitergepflegt und die sehr gute Zusammenarbeit fortgesetzt werden kann. Zukünftig werden rund 1200 Soldaten am Standort stationiert bleiben. Die überwiegende Anzahl werden Zeit- und Berufssoldaten sein. Trotz der zahlenmäßigen Reduzierung um rund 300, aufgrund der Auflösung der zwei Kompanien des Fernmeldebataillons, wird die Kaufkraft am Standort aufgrund des höheren Einkommens dieser Soldaten steigen. Davon dürfte auch die Gemeinde zukünftig profitieren. Wir Soldaten freuen uns, weil einer der schönsten Standorte in Deutschland erhalten bleibt und ein Umzug der Angehörigen des Bataillons verhindert wird. In der Kaserne werden wir zukünftig mehr Platz haben, was uns erlaubt, die Unterkunft-Situation der Soldaten weiter zu verbessern.

Wie wird es in Zukunft für Sie beruflich weitergehen?

Carstens: Mit der Versetzung als Chef des Stabes der Gebirgsjägerbrigade 23 nach Bad Reichenhall werde ich der Region weiter treu bleiben. Für mich ist dies eine Wunschverwendung, kann ich doch damit meiner Familie einen weiteren Umzug ersparen. Wir werden weiter in Aufham wohnen bleiben.

kp

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