Kampf dem Übergewicht

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Vor sieben Jahren wog Benjamin noch 220 Kio. 120 Kilogramm hat er verloren. Nun verabschiedet er sich von seinen Bekannten im Berchtesgadener Talkessel und macht sich auf nach Berlin.

Berchtesgaden - Nach sieben Jahren in der Berchtesgadener Insula und 120 verlorenen Kilogramm treibt es Benjamin zurück in seine alte Heimat. Mit 220 Kilo Körpergewicht kam er damals aus Berlin.

Benjamin Plitzko erscheint auf seinem Fahrrad. Fast immer ist er auf dem Zweirad unterwegs. „Erst letzte Woche war ich damit im Europark in Salzburg“, sagt er. Mit 220 Kilogramm war Benjamin in die Insula gekommen, mit 100 Kilogramm tritt er nun den Heimweg an. Benjamin Plitzko hat ein hartes Trainingsprogramm durchlaufen, das Fahrradfahren als seine Leidenschaft entdeckt, ist bei einem Marathon angetreten und hat zwischenzeitlich seine Ausbildung zum Beikoch gemeistert. Nun geht es auf in Richtung Heimat, wo für Benjamin ein neues Leben beginnt.

Benjamin vor sieben Jahren. Hier wog er noch 220 Kilo.

Benjamin ist 24 Jahre alt. Mit 17 Jahren ist er in die Insula gekommen. Dorthin, wo Jugendliche im besten Fall ihre Pfunde verlieren. Oft sind die Patienten sechs Monate weg von Zuhause. In Benjamins Fall wurden daraus sieben Jahre. „Dass jemand solange hier bleibt, ist nicht die Regel“, sagt der gebürtige Berliner. Eine Schilddrüsenerkrankung habe er – einer der Gründe, warum Benjamin überhaupt zu seinem Übergewicht kam. „Cola, Fanta, Schokolade, Chips“ – die ungesunden Naschereien gehörten für ihn zum Alltag. In der Schulpause war der Kiosk nicht fern, der Geldbeutel schnell gezückt, die Süßigkeiten geschwind genascht. „In meiner Familie ist keiner dick – nur ich“, sagt Benjamin. Die Zeiten in Berlin waren nicht immer einfach. Viel wurde er gehänselt, wegen seines Gewichts, das das seiner Schulkollegen bei Weitem übertraf. Der Entschluss, in die Insula zu gehen, abzunehmen, um ein neues Leben beginnen zu können, kam mit 17 Jahren – einige Jahre zuvor war Benjamin schon einmal in der Insula. „Zu jung“, sei er gewesen, sagt er im Nachhinein. Er kam in das Krankenhaus, zu groß war sein Gewicht, die Ärzte rieten ihm zum Abnehmen, sagten, er könne froh sein, überhaupt noch aufstehen zu können. Anderenfalls drohten schwerwiegende gesundheitliche Folgen. In Berlin ließ er Familie und Freunde zurück. „Ich hatte die falschen Freunde dort“, weiß er. Aus den Augen, aus dem Sinn. In Bischofswiesen musste er neu starten, gegen die Kilos kämpfen, gegen das Verlangen zu naschen. Therapeutische Maßnahmen gehörten von nun an zu seinem Tagesablauf. „Am Anfang verschwanden die Kilos sehr schnell“, erzählt Benjamin, der Gefallen am Sport gefunden hatte. Vor allem das Fahrradfahren machte ihm Spaß.

Benjamin mit seinem neuen Fahrrad. 120 Kilogramm hat er verloren. Nun verabschiedet er sich von seinen Bekannten im Berchtesgadener Talkessel und macht sich auf nach Berlin.

Dann forderte das Abnehmen Geduld, immer mehr – „70 Kilogramm habe ich allein durch die Therapie verloren“, sagt er. Später der Magenbypass, der Magen wurde verkleinert, ein neues Essverhalten war notwendig. Doch Benjamin hat dazugelernt, weiß mit der Magenverkleinerung umzugehen. 50 weitere Kilogramm hat er insgesamt verloren. Bei der magischen „100“ ist er angekommen, wohnt zwischenzeitlich in einer therapeutischen Wohngruppe, zusammen mit anderen. Gemeinsam ließen sie die Kilos purzeln, lernten „richtig einkaufen zu gehen.“ Benjamin Plitzko hat eine Ausbildung zum Beikoch gemacht. Ob es ihm schwerfalle, in der Küche zu arbeiten? „Ich koche für andere, nicht für mich“, sagt er selbstsicher. Er hat einen Wandel durchlaufen, ist erwachsener geworden. Auf das Leben, das nun folgt, sei er vorbereitet worden. In der Wohngruppe. Sport wolle er auch weiterhin treiben, Fahrradfahren etwa. Einen Marathon hat er erfolgreich hinter sich gebracht, 107 Kilometer Wegstrecke. In Berlin habe er Vorstellungsgespräche vereinbart, seine Abschlussprüfung zum Beikoch ist für Ende Juni angesetzt. „Dann will ich mich erst einmal voll auf das Arbeiten konzentrieren“, sagt er. In Bischofswiesen bleiben möchte er hingegen nicht. Die Berge drücken noch immer auf das Gemüt, „außerdem ist hier nicht viel los“, sagt er und lacht. In Berlin tobt das Leben, genau Benjamins Fall. Freundschaften müsse er erst wieder aufbauen, aber seine Familie sei ja in Berlin, immerhin etwas. Ob er Angst habe, wieder in alte Muster zurückzufallen? „Nein“, sagt er. Er wisse, worauf es ankomme, wie er sich verhalten müsse. „Ich kann meinen Körper steuern“. Zuversicht strahlt der 24-Jährige aus. Jetzt muss er weiter, arbeiten. Benjamin Plitzko steigt auf sein Fahrrad. Er tritt in die Pedale und fährt los. So, als wäre es nie anders gewesen.

kp

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