Fern des „Jodel-Images“ entsteht das „Haus der Berge“

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Für "etwas überdimensional" geraten erachtet Tourismusforscherin Prof. Dr. Felizitas Romeiß-Stracke das Vordach des Hotel Edelweiss.

Berchtesgaden – Berchtesgaden lebt vom Tourismus und von seiner Architektur, sagt Felizitas Romeiß-Stracke von der Technischen Universität München, die während der Tourismus-Fachtagung im Kongresshaus in Berchtesgaden Gastreferentin war.

„Attraktive Baukultur verführt zum Verweilen“, weiß Romeiß-Stracke. Daher gelte es - in einem Ort wie Berchtesgaden - viel Fingerspitzengefühl zu beweisen, was die Architektur anbelangt. Das „Haus der Berge“ werde ein Zeichen setzen, weg vom „Jodel-Image“ und sei, dort wo es künftig stehen wird, ein Solitär in der Landschaft.

Tourismus und Architektur sind, wenn man Sie fragt, zwei eng miteinander verwobene Begriffe. Inwiefern?

Felizitas Romeiß-Stracke: Alle Tourismus-Destinationen verkaufen doch „schöne“ Situationen. Und eine von Urlaubern als „schön“ empfundene Situation wird neben der Landschaft ganz wesentlich durch Architektur geprägt. Das Ortsbild, die Einfügung einzelner Bauten in die Landschaft, die Tourismusbauten im engeren Sinne, also Hotels, Gasthäuser, Infrastrukturen wie Kongresszentrum und Schwimmbad bis hin zum kleinen Kiosk, und schließlich auch die Geschäfte und der Bahnhof – das alles sind Gebäude, also Architektur.

Schlechter Architektur oder einem verhunzten Ortsbild kann sich niemand entziehen. Die Touristen haben ja auch Zeit, das auf sich wirken zu lassen, während die Einheimischen verständlicherweise längst „betriebsblind“ sind. Die wenigsten Touristen können zwar ihr Unbehagen direkt artikulieren - und es gibt auch unterschiedlich starke Empfindlichkeit. Aber wenn jemand zu Hause erzählt, dass es da eben „nicht so schön“ war, hat das einen erheblichen Multiplikator-Effekt. Denn trotz Internet-Bewertungen werden immer noch mehr als die Hälfte der Entscheidungen für einen Urlaubsort über ganz persönliche Empfehlungen getroffen. Und die Sensibilität gegenüber der gebauten Umwelt steigt, jedenfalls bei den mitteleuropäischen Touristen.

Auch in Berchtesgaden spielt die Thematik eine Rolle. Erst im Mai dieses Jahres wurde mitten im Ortskern das Hotel Edelweiß eröffnet. Ein von vielen Stimmen kritisierter Bau. Passt dieser in das Ortsbild?

Ich habe die Entstehungsgeschichte und die Kontroversen aufmerksam verfolgt. Gemessen an den ursprünglichen Plänen ist nun eindeutig ein akzeptabler Bau entstanden – nicht zuletzt dank eines Bürgermeisters, der von Städtebau etwas versteht. Denn hier ist zuallererst die Aufwertung durch eine gescheite städtebauliche Lösung in der Ortsmitte zu sehen. Die Fassade fügt sich gut ein, verbirgt nicht, dass sie aus dem 21. Jahrhundert stammt und ist trotzdem nicht modernistisch. Die weißen Faschen um die Fenster nehmen ein Berchtesgadener Fassaden-Motiv gut auf. Nur den Eingang respektive das Vordach finde ich etwas überdimensional geraten.

Eine „unbefriedigende Baukultur droht zu ökonomischen Einbußen zu führen“, sagen Sie. Was bedeutet das konkret, etwa auf den Ort Berchtesgaden umgemünzt?

Nun, die „Abstimmung mit den Füßen“ der Touristen. Ein heruntergekommenes Ortsbild stößt ab. Schnell die Ikonen – wie etwa das Schloss - abhaken und dann weg. Irgendwann kann auch ein so berühmter Ort wie Berchtesgaden nicht mehr nur von seinem Namen und den dort befindlichen Highlights leben. Und die sinkende Aufenthaltsdauer der Gäste wird ja allenthalben beklagt. Attraktive Baukultur verführt zum Verweilen, weil man sich wohlfühlt. Natürlich muss auch der Rest - Preis-Leistungs-Verhältnis und Service - stimmen.

„Wir leben in einer Aufmerksamkeits-Ökonomie“ – dieser Satz stammt von Ihnen. Momentan wird in Berchtesgaden das „Haus der Berge“, ein Umweltbildungszentrum des Nationalparks Berchtesgaden, errichtet. Ein Bau, der mit seiner „Watzmann-Vitrine“, ein großer, quadratischer Kubus, ins Auge sticht. Warum entscheidet man sich hier vor Ort für derart befremdende Konstruktionen?

An der Stelle, wo die „befremdende Konstruktion“ entsteht, ist sie ein Solitär und setzt ein Zeichen, dass man sich vom Jodel-Image wegbewegen will. Kontroversen um Architektur sind gut! Damit schärfen sich Blick und Urteil der Bürger. Nachdem die oberbayerischen alpinen Destinationen so lange in architektonischer Konventionalität bis hin zum Kitsch verharrt haben, ist eine Diskussion über moderne Bauten überfällig. Weil manche neue Architektur gewohnte Sichtweisen provoziert, sind auch negative Urteile zu erwarten. Und natürlich ist nicht jede moderne Architektur per se besser als etwas Altes. Aber zeitgemäße Baukultur im Tourismus entsteht nicht von heute auf morgen, es gibt Ausrutscher und Ikonen. Übrigens ist schon mancher am Anfang äußerst kontroverser Neubau später zu einer eigenen Touristen-Attraktion geworden.

Wie schaut Tourismusarchitektur der Zukunft aus? Auf was müssen Orte wie Berchtesgaden achten?

Auch wenn der Begriff „Nachhaltigkeit“ schrecklich abgegriffen ist, die Herausforderungen für die Zukunft liegen dort. Das heißt keineswegs nur, die Häuser besser zu isolieren und Plus-Energie-Standard anzustreben. Das ist in meinen Augen zu schmal, zu technisch gedacht. Flächen sparen oder recyceln und regionale Materialien verwenden, um den „ecological footprint“ klein zu halten, die klimatischen Besonderheiten der Siedlungsstruktur ausnutzen, nicht dagegen bauen und klimatisch angepasste Konstruktionen wie Dachneigungen verwenden.

Nach dem absehbaren Ende des Öl-Zeitalters werden wir vielleicht wieder zu Bauweisen finden, die unsere Altvorderen kannten – nur auf dem gestalterischen Niveau des 21. Jahrhunderts. Das wird spannend, und eine Tourismus-Destination kann sich durchaus damit profilieren, hier sichtbar voran zu gehen. „Architektouren“ sind ja heute schon ein noch kleines aber stark wachsendes Tourismus-Segment.

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