"Wir brauchen eine neue  Bergrettungswache"

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Auch Eiskletter-Weltmeisterin Ines Pappert musste schon von der Bergwacht gerettet werden.

Bad Reichenhall – Was verbindet die vierfache Weltmeisterin im Eisklettern, Ines Papert, und die beiden Reichenhaller Bergsteiger Markus Furtner und Manfred Abfalter gemeinsam?

Zu der Runde gehören auchder Berchtesgadener Bergführer Albert Steinbacher und Highline-Spezialist Hans Hornberger.

Alle fünf haben entweder schon einmal nach einem Unfall die Hilfe der Bergwacht benötigt oder engagieren sich selbst ehrenamtlich in der Rettungsorganisation.

Bei einer Benefiz-Veranstaltung im Magazin 4 haben die Sportler mit ihren Vorträgen über aktuelle Projekte und Touren kräftig die Spendentrommel für den Bau einer neuen Reichenhaller Bergrettungswache gerührt.

Alle haben sich voll ins Zeug gelegt

Die Plätze im Magazin 4 sind am Samstagabend nur zu drei Vierteln voll, doch von Enttäuschung ist bei den Bergwachtleuten trotz arbeitsintensiver Vorbereitungen keine Spur. Die Botschaft, die Bereitschaftsleiter Urs Strozynski und sein Team vermitteln, ist klar: Jeder hilft unentgeltlich mit, damit das schier unerreichbare Ziel, ein neues 700.000 Euro teures Zuhause für die Bergwacht zu bauen, ein Stückchen näher rückt.

Alle haben sich voll ins Zeug gelegt, organisiert, aufgebaut und Vorträge vorbereitet – nun stempeln sie, reißen Karten ab, schneiden Leberkäse, verkaufen Getränke und Kuchen und werben bei den Besuchern für ihr ehrgeiziges Projekt. Die Metzgerei Hartmann und die Bäckerei F. X. Neumeier haben Braten, Leberkäse und Backwaren unentgeltlich zur Verfügung gestellt, die Reichenhaller R&B-Formation „The Booze Club“ sorgt honorarfrei mit ihren fetzigen Blues-Rhythmen für Partylaune und das Magazin-4-Team hilft kostenlos mit. Kollegen der Nachbarbereitschaften bis aus Altötting sind anwesend und unterstützen das Event.

„Alleine können wir unser Vorhaben finanziell nicht stemmen; wir brauchen jede erdenkliche Hilfe, engagieren uns selbst mit vielfältigen Aktionen und werden nicht aufgeben! Einer von vielen Bausteinen ist diese Veranstaltung heute Abend, deren gesamter Erlös der Bergwacht zu Gute kommt“, erklärte Strozynski in seiner Eröffnungsrede.

Schwerer Bergunfall in der Marmolata-Südwand

Schirmherrin Ines Papert präsentierte zum Auftakt einen Film über ihre ersten Klettererfahrungen im Elbsandsteingebirge in der Sächsischen Schweiz und schenkte den ihr geltenden Applaus zurück an die Bergwacht: „Ich finde es extrem lobenswert, dass Leute in einer Gesellschaft, in der Zeit und Geld sehr knapp sind, ehrenamtlich für andere da sind und zu jeder Tages- und Nachtzeit ausrücken, um Verunglückten zu helfen.“

Die vierfache Weltmeisterin war in Italien in der Marmolata-Südwand auf dem „Weg durch den Fisch“ unterwegs, als ihr in der siebten Seillänge eine riesige Schuppe ausbrach; beim anschließenden 20-Meter-Absturz brach sie sich mehrfach den Unterschenkel und hätte mit ihrem Kletterpartner niemals alleine den Rückweg geschafft. Papert: „Erst als uns die Bergrettung mit der Longline rausgeflogen hat, ist mir so richtig bewusst geworden, wie grenzwertig sich die Jungs immer wieder bewegen und wie oft ihr Leben aufs Spiel gesetzt wird. Ich denke, es ist nicht selbstverständlich, dass man immer Hilfe bekommt. Wir sollten stets mit dem notwendigen Respekt vor dem Berg unterwegs sein.“

Wiedersehen mit der alten Heimat: Ines Papert im Elbsandstein

Man mag es kaum glauben: Obwohl sie in Sachsen aufgewachsen ist, war Ines Papert erst vor kurzer Zeit zum ersten Mal kletternd im anspruchsvollen Elbsandstein unterwegs. Als Kind hatte sie nie einen Felsen angefasst; die ersten Routen hat sie dann mit 19 Jahren in Berchtesgaden gemacht. Seit vielen Jahren klettert sie nun weltweit in Fels und Eis in extrem hohen Schwierigkeitsgraden, doch bei der Rückkehr in die alte Heimat musste sie viel Vertrauen und Ausdauer mitbringen. Papert: „Jeder Moment hier ist eine kleine Überraschung“. Mit Zähigkeit und unbändigem Willen kämpfte sie sich an den kleingriffigen Wänden nach oben, wobei die eigenwilligen sächsischen Sicherungstechniken mit Schlingen für die 35-jährige Bayerisch Gmainerin zwar gewöhnungsbedürftig waren, aber auch wertvolle neue Erfahrungen für ihre sonstigen alpinen Ambitionen darstellen; die sind um viele Nummern größer:

Im Sommer 2009 war sie in Kanada in der total abgeschiedenen Arena der unbesteigbaren Gipfel mit bis zu 800 Meter hohen Türmen unterwegs.

Neues Bergwachthaus für Bad Reichenhall

Das Matterhorn von Nepal: Bergsteigen im Himalaya

Der Reichenhaller Bergsteiger und Bergwachtmann Markus Furtner berichtete mit eindrucksvollen Bildern von einer 2001 mit mehreren Reichenhallern durchgeführten Tour auf die 6856 Meter hohe Ama Dablam im Himalaya. „Die Mutter und ihre Halskette“ gilt als einer der schönsten Berge der Welt.

Mit eigenen eingescannten Diabildern und digitalen Fotos seiner Frau, die sieben Jahre später das „Matterhorn von Nepal“ bestiegen hat, gewährte er den Zuschauern einen Einblick in das kuriose Bergsteigerleben am Dach der Welt: Über Tage hinweg müssen sich die Teilnehmer akklimatisieren, ihre Infrastruktur aufbauen und Stück für Stück verlagern, wobei sie nach langen Vorbereitungen wegen der begrenzten Zeltkapazitäten rotierend vom Basislager zum Gipfel aufsteigen – sofern das unberechenbare Wetter mitspielt.

Beim traditionellen Räucherfest werden zuvor die Götter milde gestimmt. Auf- und Abstieg über Eis und Fels gelingt nur mit Hilfe der vielen vorhandenen Fixseile – welches tatsächlich zu hundert Prozent trägt weiß im Seilwirrwarr keiner so genau; es bleibt spannend, letztlich kommen aber alle wieder heil und gesund im Basislager an.

15 Wilde beim Skibergsteigen in Nord-Norwegen

Nacktbaden im eiskalten Atlantik neben echten Walen, Angeln und gemütliches Fischessen, ausgiebiges Saunieren und gemütliches Zusammensitzen waren lediglich der ausgefallene Rahmen: Mit 14 wilden Bergsteiger- und Bergwacht-Freunden aus der Region war der Reichenhaller Bergwachtmann Manfred Abfalter in einer eher ungewöhnlichen Region beim Skitourengehen unterwegs: Ausgehend von Tromsø, der nördlichsten Stadt der Welt, erkundete die Gruppe auf zwei Brettern die Gipfel der so genannten Lyngener Alpen, wobei die Teilnehmer fast immer vom Atlantik aus bis zu 1.800 Meter hoch aufsteigen mussten; der fehlende Lawinenlagebericht, vom starken Wind abgewehte Hänge und minutenweise Wetterveränderungen machten die Touren für alle Beteiligten zur Herausforderung.

Abfalter berichtete mit viel trockenem Humor und durchaus sehr privaten Fotos vom außergewöhnlichen Urlaub in der beeindruckenden und unberührten Natur Nord-Norwegens: „Vom Wetter waren wir nicht besonders begünstigt, aber die Region ist auf jeden Fall wieder eine Reise wert!“

Königsdisziplin Highline: Die Slackline in schwindelerregender Höhe

Der 23-jährige Hans Hornberger ist Bergwacht- und Kameramann, leidenschaftlicher Fotograf, Filmer von Ines Papert und hat ein extrem ungewöhnliches Hobby: Er spannt Fixseile für Balanceakte in schwindelerregender Höhe zwischen Felspfeilern und Berggipfeln auf. Hautnah präsentierte er den Zuschauern per Film die Umsetzung einer Highline auf der Schlafenden Hexe im Lattengebirge vor zwei Jahren; obwohl er und seine Freunde mit extrem losem Fels, einer streikenden Bohrmaschine, Wind, Dauerregen und großer Eigenbewegung der Line zu kämpfen hatten, gelang schließlich nach Tagen der Balanceakt über die abgrundtiefe Schlucht.

Nach seinem Projekt am Totem Pole in Australien plante Hornberger vergangenes Jahr 350 Meter über der Scharitzkehlalm eine 33 Meter lange Highline über den ausgesetzten Großen Trichter des Hohen Göll. Hornberger: „Beide Fixierpunkte zum Spannen der Line liegen in den senkrechten Wänden; allein um dorthin zu gelangen haben wir schon 300 Meter Statikseil benötigt. Die Kletterei in der alten Westwand ist eine Mischung aus Platten und Rillen, in denen sich das Wasser zu Sturzbächen sammelte. Bisher ist der Balanceakt auf der Trichter-Line noch nicht gelungen; es bleibt also spannend auf Hornbergers „Suche nach Vollkommenheit“.

Mit 63 Jahren noch am Gipfel des schönsten Bergs der Welt

Auch der Berchtesgadener Bergführer Albert Steinbacher musste nach einem schweren Kletterunfall 2006 am Hohen Brett von der Bergwacht per Rettungstau ins Tal geflogen werden; mit seinem Diavortrag will auch er einen Beitrag zum neuen Reichenhaller Bergwachthaus leisten. 2005 stand Steinbacher noch mit 63 Jahren auf seinem Traumgipfel Alpamayo in Peru, der als schönster Berg der Welt bekannt ist. Mit einfachen Worten und extrem trockenen Humor kommt der Berchtesgadener auch bei den jungen Zuschauern gut an und entführt sie mit makellosen Diaaufnahmen und viel Fachwissen auf eine 25-tägige Reise durch die sagenumwobene Landschaft Perus mit ihren traumhaften Bergen, Inka-Ruinen und Indiomärkten, die er bereits 15 mal besucht hat; ganz nebenbei bemerkt man, was für ein guter Fotograf Steinbacher ist.

Tagelang führt der Weg der Gruppe teils über steiles Felsgelände und Gletscherabbrüche in Richtung des imposanten Gipfels, der immer wieder in der Ferne erscheint und zum Fotografieren animiert. Die Ausrüstung wird zunächst mit Pferden und Eseln, später mit Hochträgern transportiert. Die gewählte Ferrari-Route zum Gipfel hat 2005 noch niemand bestiegen, weil eine riesige, furchterregende Schneewechte am Gipfelgrat genau über der Eisrinne hängt; zwei Drittel der Aufstiegsrinne sind Blankeis – mit einem flauen Gefühl in der Magengegend und Sorge, ob die Wechte hält, wagen die Bergsteiger schließlich den Aufstieg über die Südwestwand, wobei sie nach 400 Metern direkt unter der weit überhängenden Wechte stehen; „ein gruseliges Gefühl!“, meint Steinbacher.

Nach einem Quergang steigen sie über die Wechte direkt auf den Gipfel und genießen einen traumhaften Sonnenaufgang. Weil alles so gut gegangen ist steht gleich am nächsten Tag noch der Gipfel des 6040 Meter hohen Quitaraju auf dem Programm. Steinbacher: „Der Alpamayo war bisher mein schönster Berg; mit der Besteigung ist ein alter Wunschtraum in Erfüllung gegangen.“

Pressemitteilung BRK BGL

Lesen Sie auch:

Zurück zur Übersicht: Region Berchtesgaden

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser