Bahnhof: Schild sorgt für Unverständnis

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Berchtesgaden -  Für Unverständnis am Bahnhof sorgt derzeit dieses Schild, dass Rollstuhlfahrer 300 Meter um das gesamte Bahnhofsgebäude lotst.

Mit einem neu aufgestellten Schild werden Rollstuhlfahrer 300 Meter um das gesamte Bahnhofsgebäude gelotst, ehe sie am Bahnhofsgleis ankommen. Derweil könnte das Problem mit einer einfachen Rampe gelöst werden. Aus 300 Metern würden 20 Meter. Doch dazu scheint die Deutsche Bahn keine Lust zu haben. Ein Sprecher: „Das ist komplizierter als man annimmt.“ Sven Hosse von der Behinderten-Integration Berchtesgaden sagt: „Die Lösung ist ein absoluter Quatsch. Die, die sich sowieso schon schwer tun, kriegen den langen Weg aufgebrummt.“

Der Bahnhof in Berchtesgaden: Ein kleines, unscheinbares Schild. Ein Pfeil, ein Rollstuhlfahrer und der Hinweis: „300m zur Wartehalle“. Das Schild selbst prangt direkt neben dem Treppenaufgang zur Halle. Für einen Fußgänger sind das ein paar Schritte, nur die Treppen nach oben. Für einen Rollstuhlfahrer ein halber Marathon. 300 Meter, rund um das Bahnhofsgebäude herum. Das sei mühsam, sagt Sven Hosse. Und auch Hannelore Bohm, Behindertenbeauftragte des Berchtesgadener Landes, sagt, dass es nicht nachzuvollziehen sei, was sich die Bahn da leiste. Auch wenn das Schild noch relativ neu ist – das Problem, das Rollstuhlfahrer, aber auch Mütter mit Kinderwägen und Reisende mit ihren Koffern haben, ist ein altes. „Ich arbeite in dieser Sache schon seit einigen Jahren“, sagt die Behindertenbeauftragte. Bislang mit wenig Erfolg. Skurrile Ratschläge seitens der Bahn habe sie in der Vergangenheit erhalten. Etwa jenen, dass Rollstuhlfahrer doch den behindertengerecht gestalteten Eingang der sich in der Nähe befindlichen Bäckerei benutzen sollen.

Diese habe einen direkten Anschluss an die Bahnhofswartehalle mit Zugang zu den Gleisen. Spinnt man den Gedankengang weiter, würde der Vorschlag der Deutschen Bahn bedeuten, alle Reisenden, die in Berchtesgaden ankommen, sollten – im besten Fall - die Bäckerei nutzen, um barrierefrei nach draußen zu gelangen. „Das ist eine Unverschämtheit“, so eine Dame, die in einem Geschäft im Bahnhofsgebäude arbeitet, nicht genannt werden möchte. „Man merkt einfach, dass der Bahn der Berchtesgadener Bahnhof in der Zwischenzeit scheißegal ist.“

Der Bahnhofshaupteingang, über den man zu den Gleisen kommt, ist für Rollstuhlfahrer nicht zu befahren.

Auf Anfrage bei der Bahn wird Verständnis vorgegeben, bis Redaktionsschluss gab es – trotz mehrmaligerNachfrage – noch keine Stellungnahme in Sachen Schilderumleitung. Sven Hosse von der Behinderten-Integration Berchtesgaden sagt, dass die Situation alles andere als zufriedenstellend ist. „Wenn Geschäfte, die im Bahnhofsgebäude untergebracht sind, barrierefrei gestaltet sind, und die Deutsche Bahn das nicht schafft“, müsse man sich schon wundern. Hannelore Bohm, die sich in ihrem Ehrenamt seit vier Jahren im Landkreis für Behinderte einsetzt, sagt, dass die Bahn in der Vergangenheit auch schon zugesichert habe, bauliche Maßnahmen einzuleiten.

„Die Lösung ist ein absoluter Quatsch“, sagt Sven Hosse von der Behinderten-Integration Berchtesgaden.

Also ein rollstuhlgerechter Auf- und Abgang beim Hauptportal des Bahnhofs. Bislang ist davon nicht viel zu sehen. Ein paar Stufen hindern gehbehinderte Personen und solche, die mit Kinderwägen oder Koffern unterwegs sind, daran, hürdelos in das Bahnhofsinnere und somit zu den Gleisen zu gelangen. Das neu angebrachte Schild, das im Auftrag der Deutschen Bahn angebracht wurde, zeugt darüber hinaus davon, dass die nun getroffene Lösung final scheint. Ulrike Fellner, Inhaberin der Bahnhofsapotheke, sagt, dass der Markt Berchtesgaden in die Pflicht genommen werden müsste. Eine Rampe zu bauen, sei nicht mit sehr viel Aufwand verbunden. „Berchtesgaden profitiert als Kurort von den am Bahnhof ankommenden Gästen.“ Eine Rampe sei da schon wünschenswert. „Letztlich interessiert das den Markt aber herzlich wenig.“ Auch selbst hat sie sich dazu entschieden, ihre Apotheke barrierefrei zu gestalten – auf eigene Kosten. Das sei ihr Anspruch: „Immerhin sind auch Rollstuhlfahrer und Mütter mit ihren Kinderwägen meine Kunden.“ Von Seiten der Deutschen Bahn möchte man sich zum Thema Umleitungsschild zwar äußern, die Bearbeitung der Presseanfrage dauere aber seine Zeit.

Denn das Thema behindertengerechte Rampe sei „komplizierter als man annimmt“, so ein Bahn-Bediensteter. Es gelte, eine Höhendifferenz über die Treppen beim Hauptportal zu überwinden. Die barrierefreie Rampe müsse dazu aber eine gewisse Länge aufweisen. Und überhaupt: „Da wären noch die großen, schweren Eichentüren“, so der Bahn-Mitarbeiter. Ein Rollstuhlfahrer könne diese nicht öffnen und sei auf Hilfe angewiesen. Ganz zu schweigen vom Denkmalschutz, der bei baulichen Veränderungen am Bahnhofsgebäude beachtet werden müsste. Denkbar sei aber ein Vor-Ort-Gespräch, so sein Vorschlag, um die „komplizierte Situation“ besser erklären zu können. „So kompliziert, wie die bei der Bahn tun, ist es nicht“, sagt eine Angestellte eines im Bahnhof befindlichen Geschäfts. „Die wollen nur nicht“, sagt sie. „Das war schon immer so.“

kp

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