Brauchtums-Boom lockt zahlreiche Besucher

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Unter dem Titel „Berge, Böller, Brauchtums-Boom“ beleuchteten die Referenten Hans Stanggassinger (r.) und Alois Resch (Mitte) die Anforderungen der heutigen Zeit an traditionelles Brauchtum. Nationalpark-Leiter Dr. Michael Vogel (l.) begrüßte zur zweiten Veranstaltung der Winter-Vortragsreihe des Nationalparks rund 60 Gäste im bis auf dem letzten Platz gefüllten Nationalpark-Haus in Berchtesgaden.

Berchtesgaden - Unter dem Titel „Berge, Böller, Brauchtums-Boom“ widmeten sich Alois Resch aus der Ramsau sowie Nationalpark-Mitarbeiter Hans Stanggassinger einem brisanten Thema.

Vor rund 60 Besuchern im ausverkauften Nationalpark-Haus machten die Referenten aufmerksam auf die modernen Anforderungen an traditionelles Brauchtum und stellten die Frage, inwieweit sich das Brauchtum den Ansprüchen des touristischen Marketings unterordnen sollte.

Als Anwälte und Bewahrer des Brauchtums möchten sie nicht verstanden werden, betonen beide Referenten zu Beginn der Veranstaltung. Ihr Vortrag zu Themen wie Naturschutzgeschichte, Mundart, weihnachtliches Brauchtum, Kleidung, traditionellen Landnutzungsformen sowie Architektur in Berchtesgaden und Umgebung ist eine ständige Gratwanderung. „Werten möchten wir nicht, sondern lediglich aufmerksam machen und die Augen öffnen für den heutigen Umgang mit traditionellem Brauchtum“, betont Hans Stanggassinger. Der Streifzug durch die Geschichte Berchtesgadens beginnt mit den Ursprüngen des Naturschutzes vor rund 100 Jahren. Mit der Gründung des Pflanzenschonbezirks im Jahre 1910 wurden am Königssee seltene Alpenpflanzen unter Schutz gestellt. „Für die Natur in unserer Heimat hat sich der gesetzliche Schutz ausgezahlt. Braucht unser Brauchtum einen ähnlichen gesetzlichen Schutz?“, fragte Stanggassinger in die Runde und bemängelt, dass bereits seit längerer Zeit bestimmte Brauchtumsformen zu einem Boom ausarten. „Da muss man sich die Frage stellen, inwieweit sich traditionelles Brauchtum modernen Gepflogenheiten unterordnen muss, um der Tourismusförderung zu dienen“, so der Referent.

Von 1102 bis 1803 war Berchtesgaden Kirchenstaat. Das Brauchtum in der Region ist daher stark christlich geprägt, was sich besonders in der Vorweihnachtszeit zeigt. Die Referenten lobten das Engagement der Böllerschützen, die in der NS-Zeit unter anderem das Franziskanerkloster vor der Auflösung gerettet haben. Bis heute sind die Weihnachtsschützen wichtiger Bestandteil der Advents- und Weihnachtszeit, doch sehen sie sich ständig neuen Anforderungen gegenüber. Das Schießen ist nur zu bestimmten Terminen und Uhrzeiten erlaubt, touristische Veranstaltungen und Feierlichkeiten fordern jedoch zunehmend Ausnahmen. Auch der bayerische Dialekt sieht sich den Anforderungen der modernen Gesellschaft ausgesetzt, er wird vielfach verfälscht, imitiert und parodiert. Ebenso die traditionelle Kleidung im Talkkessel, die zunehmend modernen Einflüssen unterliegt. „Man kennt sich gar nicht mehr aus, was heute noch echt ist und was nicht“, beanstandet Alois Resch. Auch an traditionellen Bezeichnungen wie „Kaser“ oder „Alm“ bedienen sich touristische Anbieter. So tragen heute zahlreiche Gastronomiebetriebe diese traditionellen Bezeichnungen im Namen, ohne einen geschichtlichen Hintergrund dafür bieten zu können. „Hier geht es allein um die Vermarktung, nur noch sehr wenig ist wirklich echt“, befinden die Referenten. Auch die moderne Architektur hinterlässt nach Ansicht von Resch und Stanggassinger zweifelhafte Spuren. Der Nationalpark-Mitarbeiter bedauert: „Rundum echte Berchtesgadener Bauernhäuser gibt es hier nur noch eine Handvoll“. Stattdessen nennt der Referent verschiedene Bauten aus der alten und neuen Geschichte des Ortes, die sich wie die Königliche Villa, Fachwerkhäuser oder das neue Gymnasium nur schwer in das Gesamtbild Berchtesgadens einfügen. „Als Vertreter traditionellen Brauchtums in unserer Heimat sollte man durchaus über den Tellerrand schauen, aber nicht jedem Trend hinterherlaufen“, befindet Hans Stanggassinger. Stirnrunzeln rufen beim 59-jährigen auch die großen Zahlen an Buttnmandln und Krampussen hervor, die in der Adventszeit den Nikolaus begleiten. „Die Überlieferung sagt ganz deutlich, dass der Nikolaus von zwölf Buttnmandln begleitet wird, nicht weniger aber auch nicht mehr.“

Heute seien nach Ansicht der Referenten zahlreiche Gruppen mit deutlich mehr Begleitern unterwegs, was nicht dem traditionellen Brauchtum entspräche. „Überhaupt artet gerade das vorweihnachtliche Brauchtum regelrecht aus“, kritisiert Resch. „Von Krampusdisko mit höllischem Vergnügen bis hin zu Kramperl-Spektakeln im Ausnahmezustand ist heute alles zu haben. Was hat das noch mit Brauchtum zu tun?“. Stanggassinger wünscht sich Gäste, die interessiert sind an echtem, unverfälschtem Brauchtum und Gastgeber, die ihren Gästen ebensolche Erlebnisse ermöglichen. In der abschließenden Diskussion ernteten die Referenten viel Zuspruch für Ihre Beobachtungen, doch auch die Selbstkritik kam nicht zu kurz. „Heute leben wir selber unser Brauchtum nicht mehr so wie früher“, befindet ein Zuhörer.

Und ein weiterer ergänzt: „Wir müssen unsere Traditionen mit dem Herzen leben, denn nur dann kann man es auch an die Gäste weitergeben.“ Abschließend äußerten die Zuhörer den Wunsch nach einer weiterführenden, intensiveren Auseinandersetzung mit den Vortragsthemen.

Pressemitteilung Nationalparkverwaltung Berchtesgaden

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