Filmkritik: Ein Heimatfilm der anderen Art

"Da, des kannst essen" - Das ist kein Schweinefleisch

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Berchtesgaden - "CAFÉ WALDLUFT" heißt das Porträt des gleichnamigen Ortes und ist Koßmehls erste lange Dokumentation. Der Untertitel: Ein Heimatfilm. Flüchtlingsrealität inmitten urbayerischer Postkartenidylle?

Trachtenverein, Blaskapelle, Postkartenhimmel - Es gibt unschönere Gegenden, in der sich ein Flüchtling wiederfinden kann. Auf den ersten Blick heile Welt. Wenn da nicht die Ureinwohner wären, die eigentlich nur ihre Ruhe haben wollen und natürlich ihre Maß BierFlüchtlinge gibt es, aber doch nicht bei uns? Doch! Und zwar mitten im paradiesisch schönen Berchtesgaden. Dort, wo Hitler seinerzeit das "Führersperrgebiet Obersalzberg" eingerichtet hat. 

Schlimme Anrufe von den Nachbarn

"Am Anfang haben sie schon etwas irritiert geschaut, die Einheimischen", so erzählt Flora Kurz, die Wirtin vom Café Waldluft. "Und schlimme Anrufe hat es auch gegeben." Aber sie haben sich nicht unterkriegen lassen und aus den ersten Zimmern, die sie an ein paar Flüchtlinge vermietet haben, wurde schließlich ein ganzes Haus voller Fremder. "Damit sich die normalen Gäste nicht so gestört fühlen. Wenn sie jetzt jemanden stören, dann stören sie sich untereinander."  

Die Hauptpersonen

Die Wirtin, Flora Kurz stammt aus Österreich, Bayern ist ihr über die Jahrzehnte zur zweiten Heimat geworden. Maria, ihre Köchin, reiste kurz nach dem Mauerfall aus Ostdeutschland an und möchte nie wieder weg von ihren geliebten Bergen. Wo sie herkommt, man hört ihn noch sehr deutlich, den Dialekt!

Bildergalerie Heimatfilm Café Waldluft

Und natürlich die neuen Bewohner des Hauses. Aus Afghanistan, Syrien, Afrika. Alle sind sie von der Landschaft begeistert und von Deutschland. Aber ihre Familien fehlen ihnen, sie haben Heimweh und machen sich Sorgen. 

Krass - Humoresk - Bayerische Gemütlichkeit

Regisseur Matthias Koßmehl bezeichnet "Café Waldluft" als Heimatfilm. Es ist seine erste lange Dokumentation. Der rote Faden zieht sich durch Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Flüchtlingsproblematik steht ganz klar im Mittelpunkt. Krassere Filmschnitte kann solch ein Film auch kaum haben. 

Auf der einen Seite die Flüchtlinge in ihrem Alltag im Café Waldluft, wie sie über ihre Probleme, Sorgen und Erlebnisse berichten. Immer wieder unterbrochen durch humoresk dargestellte Szenen wie zum Beispiel beim Ausfüllen der notwendigen Unterlagen, um endlich den langersehnten Pass zu bekommen. Hier trifft Beamtendeutsch auf bayerische Gemütlichkeit

Auf der anderen Seite teils erheiternde und teils auch nachdenkliche Einlagen, wenn der Stammtisch seine Anekdoten zum Besten gibt oder ehemalige Stammgäste die neue Situation kommentieren. 

Kein Platz für Fremdenhass

Selber in der Nähe von Berchtesgaden aufgewachsen, nimmt Matthias Koßmehl die Veränderungen der letzten Jahre zum Anlass für seine Dokumentation. Café Waldluft bietet keinen Platz für Neid oder Vorurteil. Trotz des ein oder anderen Stammtischgespräches und trotz des Mia-san-Mia-Gefühls der echten Berchtesgadener

Der Film fokussiert immer wieder auf die Bemühungen der Schutzsuchenden und ihrer Helfer, bei der nicht immer leichten Bewältigung ihres Alltags. Statt der Unterbringung in einer unpersönlichen Turnhalle mit unzähligen Feldbetten, gibt es hier Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe gratis

Angesichts der Hysterie, mit der die Unterbringung von Flüchtlingen mancherorts geführt wird, ein humoresker Film, der aber auch zum Nachdenken anregt. 

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