Im Alltag eines blinden Menschen zu Besuch

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Mit dem Blindenstock orientiert sich Bernd Esser in gewohnter Umgebung. Mit Hund Cessy geht er regelmäßig spazieren.

Bischofswiesen – Bis zu seinem 40. Lebensjahr konnte Bernd Esser sehen. Dann wurde er auf Grund einer Netzhautdegeneration blind. Wie er sein Leben nun meistert:

Großgewachsen ist der Mann, der dort im Hof steht und freudig seinen Besucher empfängt. „Hallo Herr Pfeiffer“, sagt Bernd Esser aus Bischofswiesen und streckt seine Hand zur Begrüßung aus. „Lassen Sie uns reingehen“, schlägt er vor. Vorsichtigen Schrittes geht es in Richtung Haus, über die Treppen nach oben in sein Büro. Esser, 61 Jahre alt, setzt sich an seinen Computer, erzählt ein wenig aus seinem Leben. Dann startet er ein Computerprogramm. „Jetzt zeige ich Ihnen mal, wie ich Zeitung lese“, so sein Vorschlag. Bernd Esser hat Retinitis pigmentosa, eine Netzhautdegeneration. Seit über 20 Jahren ist er blind.

Die Blindheit kam schleichend, unausweichlich. Die Jugendzeit war ungetrübt, sehenden Auges ging er durch die Welt. Bernd Esser wusste schon lange, dass es nicht für immer sein würde. Dass er irgendwann erblinden würde. Dass er seinen Beruf nicht mehr ausführen könnte. Dass er das, was er bislang immer mit eigenen Augen gesehen hatte, in Zukunft nur noch erahnen könnte, erfühlen, vor allem aber: hören. Dass das Leben definitiv anders sein würde als zuvor. „Das ist Schicksal“, sagt Esser nüchtern. Er lacht viel, macht Späße. Vor allem aber wirkt er zufrieden.

Hotelkaufmann hat er gelernt, Betriebswirtschaft, lange Zeit war er im Personalwesen bei Pfanni beschäftigt. Dann wurde das Augenlicht immer schlechter. Ein sukzessiver Prozess, langsam, aber kontinuierlich. Zunächst die Nachtblindheit, das Sichtfeld verkleinerte sich. Zwischenzeitlich sieht Esser gar nichts mehr – unterscheiden kann er zwischen Dunkelheit und Helligkeit. Das ist alles. Nicht viel. „Aber so ist es“, sagt er. Die Bilder spielen sich im Kopf ab.

Blindenschrift aus Edgar Wallaces "Der Pfeifer".

Der Bischofswieser, der zusammen mit seiner Ehefrau in seinem Mutterhaus lebt, bewegt sich sicher durch das Haus. Er kennt es bis in den letzten Winkel, weiß genau, wo er hingreifen muss, wenn er nach einem bestimmten Gegenstand sucht. Etwa nach seinem Nokia-Handy. Ein spezielles Modell, das mit einer Software ausgestattet ist, die es einem Blinden erlaubt, alle Menütexte vorgelesen zu bekommen. Eine synthetische Männerstimme trägt die Inhalte vor, Esser navigiert durch das Handy-Menü, zielstrebig, er weiß genau, welchen Knopf er zu drücken hat. „Solche Erfindungen erleichtern das Leben sehr“, weiß er. Auch in anderer Hinsicht gibt es Hilfen für Sehbehinderte und Blinde. Bernd Esser greift nach einem elektronischen Lesegerät in Form eines dicken Stiftes. Es hat seinen festen Platz auf dem Schreibtisch. Dann dreht er sich auf seinem Stuhl in Richtung Bücherregal. Dorthin, wo seine Korrespondenz wartet, gewöhnliche Bücher, Romane, solche, die in Blindenschrift gedruckt sind. Mit dem Stift berührt er kleine Etiketten, die auf jedem Ordner, auf jedem Buch angebracht sind. Die synthetische Stimme ertönt, beschreibt Esser, um welchen Ordner es sich handelt. Edgar Wallace, „Der Pfeifer“.

Er liest gerne, viel. Natürlich gibt es Hörbücher. Das Angebot ist vielfältig. „Aber das Lesen ist halt nochmal etwas ganz anderes“, sagt er mit bestätigendem Nicken. Esser hat vor 20 Jahren die Blindenschrift erlernt. „Die ist leicht zu lernen“, sagt er. Mit dem Tastsinn der Finger erfühlt er Punkte, die in verschiedenen Kombinationen angeordnet Buchstaben ergeben. Ein Punkt links oben ist das „A“. Das „B“ sind zwei untereinander angeordnete Punkte. Eine Kostprobe gefällig? Esser tastet sich durch Edgar Wallaces „Der Pfeifer“ und liest vor.

Neuigkeiten erfährt Bernd Esser an seinem Computer. Eine Stimme liest ihm alles vor.

Dann schließt er das Buch, stellt es zurück in das Regal und widmet sich seinem Computer. Schließlich wolle man auch als Blinder immer up- to-date, also auf dem neuesten Stand sein. Eine Zeitung für Blinde? So in der Art. Bernd Esser hat ein Programm auf seinem PC installiert, das alle schriftlichen Inhalte per Sprache vorträgt. Eine Frau meldet sich zu Wort, sie liest die auf dem Bildschirm erscheinenden Texte vor. Überschriften, Unterüberschriften, Berichte. Flink bewegt sich Esser mit Tastenkombinationen auf seiner Tastatur durch die Seiten. Vor allem interessieren ihn die Internetauftritte regionaler Medien. Klar, er könnte mit seinem Scanner Tageszeitungen einlesen und sich die Inhalte vorlesen lassen. Das ist aber kompliziert, die Seiten sind groß, der Scanner klein. Also sind Berichte, die im Internet erscheinen, ein wichtiger Aspekt, um informiert zu bleiben.

„In Bischofswiesen soll eine neue Bebauung stattfinden“, fragt Esser, zunächst ungläubig. Gerade eben hat er diese Nachricht vorgelesen bekommen. Der Berchtesgadener Talkessel interessiert ihn, auch Bad Füssing. Dort sei er gern zu Besuch. Blinde fänden sich dort gut zurecht. Hin und wieder sei er dort in Urlaub, gehe spazieren, mit seiner Frau.

Überhaupt: Er spaziert regelmäßig, täglich. Zusammen mit Cessy, dem Schäferhund, elf Jahre alt. Bald wird sie zwölf. Draußen muss er sich selbstständig zurechtfinden, in bekannter Umgebung. Zur Hilfe hat er seinen Blindenstock, „den hat die Krankenkasse gezahlt“, sagt er – „immerhin“.

Dann lacht er wieder, der sympathische Mann. Jugendlich wirkt er, er strahlt eine große Lebensfreude aus. Es ist Zeit, lange war der Gast zu Besuch. Er begleitet ihn die Treppen nach unten, zur Haustür hinaus. Draußen nieselt es leicht, die Sonne bricht durch das Wolkendach, ein Regenbogen spannt sich quer über den Nachbargrund. Ob er, Bernd Esser, das Sehen manchmal vermisse? Er überlegt ein wenig. „Nein“, sagt er dann mit kräftiger Stimme. Das sei sein Schicksal. „Herr Pfeiffer, ich bedanke mich. Auf Wiedersehen“. Ja, auf Wiedersehen. Blinde sagen das so.

kp

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