Übung unter erschwerten Bedingungen

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Bad Reichenhall/Zillertal - Schnee im Juli? Im Zillertal keine Seltenheit. In dieser Reportage schildert ein Gebirgsjägerbatallion aus Bad Reichenhall seine Übungserfahrungen.

„Pack ma’s!“ - Hauptfeldwebel Xaver Peld rückt die Schutzbrille mit den orangefarbenen Gläsern zurecht, setzt den Helm auf und schließt den Kinnriemen. Der Oberstabsgefreite Fassbauer wirft sich seinen dreißig Kilogramm schweren Rucksack mit Funkgerät und persönlicher Ausrüstung auf den Rücken und der Obergefreite Pfader hängt sein Gewehr um. Es ist Mitte Juli, kurz vor sieben Uhr morgens in den Zillertaler Alpen. Aber hier, auf zweitausend Meter, ist die Luft herbstlich kalt und feucht. Das erleichtert die bevorstehenden vierhundert Meter Aufstieg bis zum Torjoch, aber die Aussichten für die nächsten Tage sind nicht gut.

Die vierte Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 233 aus Mittenwald wird vier Tage auf dem Joch bleiben, egal, was für ein Wetter dort oben herrscht. Der Kompaniechef, Hauptmann Neuen, hat gerade das Gebäude verlassen, vor dem die drei Soldaten seines Führungstrupps ihre Ausrüstung anlegen. Neuen ist ein sehr schlanker Mann um die 30, wirkt wesentlich jünger und eher intellektuell als robust. Er ist studierter Politologe. Aber eben auch Offizier mit Einsatzerfahrung in Afghanistan. Soeben hat er letzte Informationen für den erteilten Auftrag bekommen und sein Erscheinen ist das Aufbruchssignal für Peld. Auch Neuen nimmt sein Gepäck auf und der Trupp marschiert los.

Die drei Züge der Kompanie, Alpha, Bravo und Charlie, sind schon seit sechs Uhr zu unterschiedlichen Operationsgebieten unterwegs. Der Spieß hat vor 20 Minuten mit Tragtieren das Lager verlassen, um all das auf den Berg zu bringen, was die Infanteristen beim besten Willen nicht mehr schleppen können. Zusätzliche Munition, Verpflegung, Zeltteile und die schweren Granatmaschinenwaffen. Trotzdem trägt jeder Soldat immer noch um die dreißig Kilo Ausrüstung mit sich, bei manchen, zum Beispiel den MG-Schützen, werden es auch vierzig oder fünfzig Kilo. „Der Gebirgsjäger ist physisch und psychisch höchst belastbar. Er operiert im schwierigsten Gelände und unter allen - und damit meine ich wirklich allen - Klimabedingungen.“ So charakterisiert Brigadegeneral Michael Matz seine Soldaten. Es sei ein allgemeines Missverständnis, die Gebirgstruppe nur mit Fels, Almen und Schnee in Verbindung zu bringen. Sie ist gleichermaßen erste Wahl für Arktis, Wüste und Dschungel, bildet auch Soldaten anderer Truppengattungen dafür aus. Selbst das Kommando Spezialkräfte schickt seine Männer zur Extremklimazonen- und Gebirgsausbildung nach Bayern. Und mit den Fallschirmjägern gehört die Gebirgstruppe zu den am meisten durch Einsätze belasteten Einheiten der Bundeswehr.

Ein Großteil der Soldaten in Neuens Kompanie war bereits in Afghanistan, viele haben Gefechtserfahrung. Auch hier, auf dem idyllisch gelegenen Gebirgsübungsplatz Lizum in Österreich, zwischen frei laufenden Kühen und Schweinen mit Blick auf majestätische Gipfel, üben die deutschen Soldaten für den Einsatz. Das Szenario: In einem fiktiven Land haben irreguläre Kräfte die Regierung verjagt, mit Schmuggel wird Geld für Waffen verdient und diese selbst ins Land gebracht. Eine Stabilisierungstruppe soll wieder geordnete Verhältnisse herstellen. Also die Art Auftrag, die die Bundeswehr tatsächlich in ihren Einsätzen ausführt. Und vermutlich auch die Art Auftrag, die immer wieder auf sie zukommen kann.

In der Übung wird das Vorhaben in wenigen Tagen gelingen, in Afghanistan dauert der Kampf schon fast elf Jahre. Und in der ersten Jahreshälfte 2013 werden die Gebirgsjäger der Bundeswehr wieder zeigen müssen, ob die Einschätzung ihres Generals über die Qualitäten der Soldaten zutreffend ist. Immerhin, der Kommandeur weiß sehr genau, wohin seine Leute gehen: Er war selbst 2009 sechs Monate als Befehlshaber der Quick Reaction Force im ISAF-Einsatz. Matz trägt die „Einsatzmedaille Gefecht“. Der Führungstrupp der vierten Kompanie passiert jetzt eine kleine Kirche am Rande des Lizumer Hochtals und lässt damit das letzte Gebäude auf dem Weg hinter sich. Der Aufstieg beginnt. Hauptfeldwebel Peld ist ein schwerer, dafür aber erstaunlich fitter und beweglicher Mann. Mitte 30, blonde Strubbelhaare, ewiges Grinsen und tiefstes bairisch. Er ist seit über fünfzehn Jahren Gebirgsjäger, war zwei Mal als Zugführer in Afghanistan eingesetzt. Jetzt ist er Kompanietruppführer und damit die rechte Hand des Chefs, berät ihn, sammelt und bewertet Informationen, die die beiden Funker, Fassbauer und Pfader, vom Bataillon im Tal und von den Zugführern am Berg bekommen. Neuen folgt heute seinem Alpha-Zug ans Torjoch. Dort werden feindliche Kräfte in unbekannter Zahl vermutet. Neuen und der Alpha-Zug sollen das Joch gewinnen, um von der Höhe aus Schmuggel zu unterbinden und das Eindringen von irregulären Kräften zu verhindern - so sieht es das Szenario vor.

Während des Aufstieges wechselt die Witterung stetig. Nebel, Schnürlregen, Wind. Dann wieder klare Sicht auf das atemberaubende Panorama. Regelmäßig muss Halt eingelegt werden, weil einer der Funker eine lange Nachricht bekommt. Positionen werden notiert, erste Informationen des Spähtrupps, der noch im Dunkeln aufgebrochen war, aufgenommen und bewertet. Etwa eine halbe Stunde vor Erreichen der Ausgangsstellung knapp unterhalb des Jochs, meldet der Alpha-Zug, der schon oben ist, einen TIC, „troups in contact“. Der Zugführer hatte unter Deckung des Nebels in einen Taleinschnitt vorrücken lassen, in dem eventuelle Feindkräfte das Torjoch gut absperren können. So vorsichtig und geschickt der Hauptfeldwebel oben sein Vorgehen auch angegangen war, er hatte einfach Pech: Der Nebel löste sich ganz plötzlich auf und gab den gut verschanzten „Gegnern“ volle Sicht auf die heranrückenden Soldaten. Das simulierte Feuergefecht forderte dann auch den ersten „Ausfall“ des Zuges. Die nächsten Stunden zeigen, über welche nicht ausschließlich militärischen Eigenschaften ein Soldat in dieser Umgebung verfügen muss. Geduld, Durchhaltewillen, innere Ruhe und vor allem: Wetterfestigkeit.

Hauptfeldwebel Peld lässt die Außenhülle eines Hochgebirgszeltes rasch als provisorischen Wetterschutz aufstellen. In dem eigentlich für zwei Mann gedachten Zelt schlüpfen jetzt zweitweise fünf Soldaten unter. Kompaniechef Neuen ist ständig draußen unterwegs, um Punkte zu suchen, von denen aus er Blick in den Taleinschnitt nehmen kann, ohne selbst gesehen zu werden. Doch allein der ständige Nebel macht es unmöglich, den Gegner genauer zu beobachten. Das Einzige, was Neuen bisher weiß, ist, dass die Position des Gegners diesem völlige Kontrolle über das Gelände gibt. „Im Gebirge setzt man eine dreifache Überlegenheit beim Angreifer voraus. Das bedeutet, wenn da drin deutlich mehr als zehn Mann sitzen, dann brauche ich zwei komplette Züge.“ Neuen hat aber nur einen Zug, die beiden anderen Züge sind zu weit weg und mit eigenen Aufträgen befasst. Endlich gelingt es einem Spähtrupp, die Lage im Einschnitt besser aufzuklären, eine Gegnerstärke von mindestens vierzehn Mann in erhöhten Stellungen gilt als sicher. Nach eingehender Beratung mit Peld und dem Alpha-Zugführer steht Neuens Plan. Er will vom Tal aus Nebelgranaten schießen lassen, die dem Gegner die Sicht nehmen und dann mit Hilfe der Bataillonsreserve angreifen. Beides fordert Neuen unten an. Der Nebel ist kein Problem, aber die Reserve, die nicht umsonst Bataillonsreserve heißt, schon. Auf zweitausendvierhundert Metern heißt es also wieder warten. Auf die Entscheidung des Bataillons, auf besseres Wetter. Im Regen zu hocken, schlägt aufs Gemüt. Obwohl die Rucksäcke bleischwer waren, hält sich die Menge der mitgenommenen Kleidung in Grenzen. Und was bei solchen Bedingungen mal nass ist, wird nicht mehr trocken. „Im Gebirg musst schaun, dass’d Leit so trocken wia möglich hältst, sonst is ruckzuck aus.“

Peld zeigt sich ernst. Die Erfahrung am Berg hat ihm für Afghanistan mitgegeben, dass er als Vorgesetzter mit Kampfkrafterhaltung und Fürsorge mindestens genauso beschäftigt ist, wie mit dem Kämpfen. Schwierige Witterung und das Warten auf Entscheidungen, die irgendwo weit weg getroffen werden - auch das ist Einsatzrealität. Neuen und sein Alpha-Zug verschwinden unter Regenponchos, „Anzug Hui-Buh“ nennen die Soldaten das, weil man im Nebel wie ein Gespenst damit aussieht. Die Ponchos schützen allerdings perfekt vor Nässe und man kann sie schnell abwerfen. Sollte sich die Truppe schnell bewegen müssen, wäre der Goretex-Anzug, den alle dabei haben, eher unpraktisch. Er hält zwar den Regen ab, aber bei Anstrengung schwitzt man extrem darin und hat dann doch nasse Klamotten, inklusive der Innenschicht des Regenschutzes. Am Ende des Tages werden lange Unterhosen und Unterziehrollis mit Goretex darüber für die meisten hier oben die einzige trockene Kleidung sein, die ihnen verblieben ist. Aber noch sind Zelt und Schlafsack weit. Nach langem Hin und Her teilt das Bataillon Hauptmann Neuen mit, dass die Reserve für ihn in Marsch gesetzt wurde. Wenn die Soldaten hier angekommen sind, müssen sie einen Steilhang von gut hundert Metern erklimmen, den Kamm überschreiten und auf der anderen Seite in Stellung gehen. Nach dem Einnebeln sollen sie dann von oben im Sturm angreifen.

Allein das ist schon ein ziemlich sportliches Unterfangen aber dann auch noch nach einem anstrengenden Anmarsch? Die Reserve wird vermutlich eine Weile ruhen müssen, wenn sie da ist. Neuen verschiebt seine ganze Truppe näher an den Gegner. Eine Granatmaschinenwaffe wird auf den Einschnitt gerichtet, Scharfschützen haben sich im Nebel auf erhöhte Positionen vorgearbeitet. Die Reserve kommt sehr viel früher als erwartet in Sicht und ist trotz der Anstrengung sofort bereit. Neuen gibt seine Befehle. Die Reserve erklimmt rasch den Steilhang und geht auf der anderen Seite in Stellung. Die Granatmaschinenwaffe wird feuerbereit gemacht, Koordinaten werden per Funk durchgegeben, Nebelgranaten angefordert. Dann die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Sie wird gebrochen durch die Nachricht, dass die Mörser jetzt simuliert gefeuert haben - auch Nebelgranaten können Menschen gefährden und deshalb verzichtet man bei solchen Gefechtsübungen darauf, sie tatsächlich abzufeuern. Das Feuer der Granatmaschinenwaffe wird ebenfalls durch Signalraketen simuliert. Im Ernstfall haben die Explosivgeschosse der Waffe eine verheerende Wirkung.

Der Alpha-Zug feuert zur Ablenkung Manövermunition auf den Gegner, dann stürmt die Reserve den Steilhang hinunter. Spätestens jetzt verspürt der Zeuge Unbehagen, aber vor allem Erleichterung, dass das hier alles nur eine Übung ist und niemand wirklich zu Schaden kommt. Schiedsrichter mit weißen Armbinden beobachten das Geschehen und registrieren jede Entscheidung des Kompaniechefs und die Ausführung durch seine Soldaten. Nach knapp zehn Minuten ist das „Gefecht“ vorbei, der Gegner geflohen und Neuen kann mit seinen Soldaten nun den freigekämpften Raum beziehen. Es wird stetig kälter und nässer am Torjoch, mittlerweile richten sich alle Gedanken auf den Moment, an dem endlich das Zelt aufgebaut sein wird, man die feuchte Kleidung zum Trocknen zwischen Schlafsack und darüber gestreifte Biwakhülle stopfen und sich vielleicht hinlegen kann. Doch das wird noch dauern. Erst muss dem Bataillon berichtet und die weitere Vorgehensweise abgestimmt werden. Dann wird das Gebiet vorsichtig erkundet, ob sich noch irgendwo „Feind“ aufhält. Erst danach rücken der Alpha-Zug und die Kompanieführung vollständig ein. Und es regnet und regnet.

Als endlich mit dem Zeltaufbau begonnen werden kann, brechen alle himmlischen Dämme und sturmartiger Starkregen geht auf den Berg nieder, der sich in Minuten zu Graupeln und dann zu Hagel entwickelt. Das schwere Unwetter tobt dreißig Minuten, um dann schlagartig aufzuhören. Niemand hat auch nur noch einen trockenen Fetzen Kleidung am Leib, ein scharfer Wind hätte die Zelte beinahe fortgerissen und beißt jetzt in die nasse Haut. Das größte Zelt des Führungstrupps wird fürs Umziehen und Aufwärmen genutzt, später soll alles Material dort rein. Je einer darf alleine ins Zelt, sich ausziehen, abrubbeln, aus seinem Rucksack trockene Kleidung zupfen und das Goretex-Zeug drüber ziehen. Die anderen frieren derweil draußen weiter und richten die Schlafzelte mit Isomatten und Schlafsäcken her. Halbwegs trocken und mit leisem Hoffen, dass das Wetter morgen zumindest nicht schlimmer wird, schlafen alle nach und nach ein. Noch bis tief in die Nacht knackt und rauscht immer wieder der Funk, immer wieder muss einer rangehen. Draußen liegen Alarmposten, die regelmäßig wechseln. Nach einer unruhigen Nacht auf hartem Untergrund ist der Morgen da. Um zehn nach sechs will die Kompanieführung zu den vordersten Stellungen aufbrechen, ein Marsch von gut fünfundzwanzig Minuten. Mühsam schälen sich die Männer aus der Schlafhülle, jede Bewegung kostet enormen Willen. Die Stiefel sind innen feucht und eiskalt, der Schädel brummt. Peld reicht einen Blechnapf mit warmem Wasser ins Zelt, statt Kaffee. Tief durchatmen und dann raus aus dem Zelt. Es ist Sonntag, der 22. Juli, 6 Uhr früh. Nebel. Null Grad. Schnee...

Die Beschreibung beruht auf der Erfahrung und das Erleben von Gregor Weber. Die Namen der Beteiligten, mit Ausnahme des Kommandeurs, wurden geändert.

Pressemeldung Gebirgsjäger Bad Reichenhall

Rubriklistenbild: © dpa

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