Interviewserie mit Michaela Kaniber Teil I

Alleinreisende Flüchtlingsfrauen – angekommen im (Alp-)Traum?

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Interview mit Michaela Kaniber

Berchtesgadener Land – Sind Krieg und Flucht schon schlimm genug, so haben asylsuchende Frauen häufig auch mit (sexueller) Gewalt, Unterdrückung, Mißachtung zu kämpfen. In Deutschland angekommen sind die Probleme noch nicht gelöst.

Insbesondere alleinstehende Frauen sind auch bei uns in Deutschland weiterhin in Gefahr und in den Gemeinschaftsunterkünften nicht unbedingt sicher. 

Immer wieder wird von Übergriffen durch männliche Flüchtlinge berichtet. In München wurde kürzlich die erste Flüchtlingsunterkunft für alleinstehende Frauen und ihre Kinder eröffnet. 

Wir haben Michaela Kaniber, Mitglied des Bayerischen Landtags und CSU Kreisvorsitzende gebeten, uns zu diesem Thema ein paar Fragen zu beantworten und starten mit diesem Text unsere dreiteilige Interviewserie zum Thema Flüchtlingsintegration im Berchtesgadener Land. 

BGLand24.de: Frau Kaniber, Können Sie uns zur Einführung des Beitrags einige Fakten nennen. Wie groß ist der Anteil der schutzsuchenden Frauen, Kinder, Männer. Haben Sie Angaben zu Bildungsstand, Schulbildung, etc. bei uns im Landkreis? 

Michaela Kaniber: 50% der Flüchtlinge weltweit sind Frauen! Jedoch kommen bei uns in Europa weit mehr Männer als Frauen an. Im Berchtesgadener Land sind es aktuell 535 Männer und 261 Frauen, davon sind 317 unter 18 Jahren

Die Erfahrungen haben gezeigt, dass der überwiegende Teil der Flüchtlinge und Asylbewerber nicht ausreichend Deutschkenntnisse aufweist. Der Spracherwerb erfolgt durch zusätzlichen Sprachunterricht in Regelklassen bzw. in Übergangsklassen oder Berufsintegrationsklassen. 

Die somit notwendige Phase des Spracherwerbs wird daher zugleich zur fachgerechten Erhebung des Bildungsstands genutzt. In Kombination mit den Schulberatungsangeboten, die unser Schulsystem vorweist, kann somit auch für die Flüchtlinge und Asylbewerber der passende Bildungsweg in Bayern gefunden werden: Je nach Alter und Eignung der Flüchtlinge in Regelklassen der Grund- oder Mittelschule, bzw. in SPRINT-Klassen der Realschule, in Integrationsvorklassen an FOS/BOS, in InGym-Klassen des Gymnasiums oder auch in Regelklassen dieser Schularten. Möglich ist daneben zudem der Beginn einer Berufsausbildung

BGLand24.de: Unter den Schutzsuchenden sind es oftmals die Kinder und die Frauen, die während ihrer Flucht dem größten Leid ausgesetzt sind. Sind sie in Deutschland angekommen, so scheint die Unterbringung vieler junger Männer zusammen mit Frauen und Kindern ein großes Problem. Wie lösen Sie dies in BGL? Wie werden Frauen und Kinder in der Erstaufnahme vor Übergriffen und Misshandlungen geschützt

Michaela Kaniber: Es ist in der Tat wichtig, hier eine besondere Aufmerksamkeit walten zu lassen. Wir haben in großen Unterkünften in Bayern zum Beispiel Sonderwachdienste eingestellt und organisiert, dass diese sich um die Sicherheit von Frauen kümmern können. 

Auch in den kleineren Unterkünften bei uns vor Ort wird versucht, die Räumlichkeiten voneinander zu trennen. Außerdem sensibilisieren wir die Leute, dass Wasch- und Sanitärräume nach Geschlechtern getrennt belegt werden sollen. Ist das von den Räumlichkeiten vor Ort nicht möglich, dann herrschen bei uns ganz klare Regeln. 

Frauen bekommen einen Schlüssel um sich einzuschließen beim Duschen und damit kein Unbefugter in der Zeit in diese Räume hinein darf. Es sei denn natürlich, es passiert etwas, die Frau kommt nicht alleine klar, oder ähnliches. Dann muss das aber ganz klar kommuniziert werden, dass jemand nach dem Rechten schauen soll/darf. 

BGLand24.de: Gibt es sogenannte Ersthilfe-Maßnahmen, wenn betroffene Kinder und Frauen ankommen? Und wie sehen die aus?

Michaela Kaniber: Als erstes treffen die Menschen bei uns ein und werden von unseren Ersthelfern, Sozialbetreuern und Medizinern betreut. Nach dem Clearingverfahren und der Überweisung in die Erstaufnahme/Gemeinschaftsunterkünfte ist überhaupt eine weitere Behandlung möglich. 

Was ich besonders begrüße ist, dass das Bundessozialministerium derzeit 25 Stellen einrichtet, von denen zwei in Bayern sein werden. Die Funktionsstellen sollen sich speziell um extrem gefolterte Menschen kümmern. 

Und zwar egal ob Mann oder Frau, aber in erster Linie sollen sie sich um Opfer sexueller Gewalt kümmern und das sind ja meistens Frauen. 

BGLand24.de: Und mit welchem Betreuungskonzept wird ihnen der Weg in die Integration erleichtert? 

Michaela Kaniber: Zunächst einmal versuchen wir verstärkt Dolmetscher oder Menschen einzusetzen, die selber einen Migrationshintergrund haben. Die Wertevermittlung wird dadurch einfach erleichtert. Ein wichtiges Anliegen ist auch die Vermittlung des Grundsatzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und die Gleichstellung von Mann und Frau. Generell gibt es unterschiedliche Ansätze und Projekte, die Frauen, bzw. Kindern die Integration erleichtern sollen. (Anmerkung der Redaktion: Diese erläutern wir im nächsten Artikel). 

BGLand24.de: Noch immer verhindert das traditionelle Familienbild eine selbstbestimmte Integration vieler Frauen. Wie lässt sich das ändern? Wie vermittelt man einer Flüchtlingsfrau unsere Werte und welche Rechte sie eigentlich hat, die sie bisher nicht wahrnehmen durfte? Geht das überhaupt so einfach, wenn sie mit einem sie dominierenden Mann zusammen lebt? 

Michaela Kaniber: In der Tat ist das Schwierigste bei vielen Frauen, die nicht alleine reisen, dass der Mann dabei ist. Häufig muss der Mann erst mal akzeptieren, dass wir den Zugang zu der Frau bekommen, was häufig ein ganz harter Weg ist. 

Das Sozialministerium hat ein Handbuch herausgebracht in dem erklärt wird, dass in Deutschland auch die Frauen ein Recht auf Bildung, Schule, Arbeiten, etc. haben, ohne erst ihren Mann fragen zu müssen. 

Das Problem aber ist, dass die Frauen häufig nicht lesen können. Bei dieser Problematik leisten aber die Helferkreise eine unglaubliche Arbeit. Ein schönes Beispiel: Wir hatten in einer Einrichtung eine junge Familie, da hat der Mann der Frau immer angeschafft, was sie zu tun hätte. 

Irgendwann hat sich die Helferin dann zu der Frau gesetzt und ihr gesagt, jetzt bringt ihr der Mann mal den Kaffee. Insbesondere der Mann konnte das erstmal nicht glauben. Nach vier, fünf Tagen hat er dann gemerkt, dass es hier anders läuft wie in seiner Heimat und langsam verstanden, worauf die Helferin hinaus wollte. 

An solchen Beispielen ist es schön zu sehen, dass auch die Männer sich der Ratschläge nach und nach annehmen. Für die Helfer ist das wahnsinnig anstrengend, aber letztendlich haben sie doch Erfolg.

Egal ob Schulungen, Deutschkurse oder Asylberatung, wir dürfen einfach nicht nachlassen. Ein anderes Beispiel hat mir ein Polizist berichtet. 

Direkt zu Beginn der Flüchtlingswelle hatte er eine Familie, bei der die Frau bepackt war mit schweren Koffern und Taschen, während der Mann nur eine leichte Tasche hatte. Der Polizist hat kurzerhand die Rangordnung umgedreht und den Mann die schweren Taschen tragen lassen. Der Mann hat das auch schnell verstanden, dass er ja eigentlich der Starke sei, aber er kannte es halt nicht, denn so geht das ja nicht in seinem Land. 

Und wir dürfen hierbei eines nicht vergessen: Viele der Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, waren früher viel freiheitlicher. Erst durch die Verbreitung des Islams hat sich diese Situation gedreht und jetzt ist es zu spät

Ich sage immer: Der Mann sollte wissen: „Geht’s der Frau gut, geht´s mir auch gut“. Und dieses Denken müssen wir versuchen bei den Männern bewusstzumachen, dann haben wir einen einfacheren Zugang. 

BGland24.de: Stichwort Rollenbild / Tradition. Das Tragen einer Burka wie auch die Vollverschleierung ist zum Beispiel unserem Kulturkreis fremd und sorgt oftmals auch für eine ungewollte Distanz. Wie lässt sich die Ihrer Ansicht nach beheben? 

Michaela Kaniber: Prinzipiell respektiere ich das Tragen einer Burka. Wenn die Menschen diese tragen möchten, dann ist es ihre Entscheidung. 

Wenn man damit allerdings Angst auslöst, gerade bei unseren Kindern, dann hat man recht schnell unsere Toleranz verspielt. Wenn wir in andere Länder kommen, dann respektieren wir auch die dortigen Sitten und Gebräuche im Gastland. 

Wir Frauen bedecken zum Beispiel unsere Haare mit einem schönen Tuch oder tragen einen langen Rock, statt einem kurzen Rock und FlipFlops. Ich für mich möchte gerne bei meinem Gegenüber die Augen und das Gesicht sehen. Man kann anhand der Mimik eines Menschen sehr viel von ihm ablesen. Eine Burka wirkt, bei der man nur die Augen sieht oder diese teilweise sogar noch vergittert sind, auf viele Menschen bedrohlich und befremdlich, was nicht sein muss. 

BGLand24.de: Frau Kaniber wo sehen sie Bayern im Jahr 2040?

Michaela Kaniber: Mein Wunsch für unser Bayern im Jahre 2040 ist, dass unser Land wirtschaftlich mindestens so stabil ist wie heute, wenn nicht noch stärker. Und noch viel mehr ist meine Hoffnung, dass wir unsere Demokratie, unsere Freiheit und unseren Frieden bewahren können

BGLand24.de: Was sind Ihre Ziele und Wünsche für die nächsten Wochen? 

Michaela Kaniber: Ich glaube dass wir eine sehr deutliche Wertevermittlung formulieren müssen. Es wurde zum Beispiel gerade eine Enquete Kommission Integration gegründet. 

Die nächsten zwei Jahren brauchen wir eine starke Regierung und wir werden uns sehr intensiv unterhalten müssen, wie Integration funktionieren und gelingen kann. Unsere Werte müssen klar definiert, vorgelebt und eingehalten werden. 

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir keine falsch verstandene Toleranz wollen, die unsere Werte nicht vermittelt. Wir müssen klare Maßnahmen formulieren, gute Erklärungsarbeit leisten und dafür sorgen, dass unsere Toleranz nicht falsch verstanden wird und mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt wird.

BGLand24.de: Herzlichen Dank für das Gespräch. Fortsetzung folgt.

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