"Unter mir schlagen die Rotorblätter vorbei"

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Piding - Die Bergwacht und die SAR-Rettungsflieger der Bundeswehr haben im Pidinger Klettersteig trainiert - Markus Leitner war dabei.

Wetterverhältnisse und schwieriges Gelände schaffen bei den meisten Bergwacht-Einsätzen ein Grundrisiko für alle Beteiligten. Damit im Ernstfall jeder Handgriff sitzt und die Sicherheit für Patienten und Einsatzkräfte gewährleistet ist, haben 13 Männer der Bergwachten Bad Reichenhall und Teisendorf-Anger mit der Besatzung eines SAR-Hubschraubers des Lufttransportgeschwaders 61 aus Penzing bei Landsberg für Rettungswinden-Einsätze im Gebirge geübt. Szenario war der Pidinger Klettersteig auf der Nordseite des Hochstaufens; Markus Leitner von der Pressestelle des Roten Kreuzes war mit dabei und schildert seine Eindrücke:

"Freitagmittag, raus aus der Arbeit, rein ins Auto und rauf auf den Berg; alles muss schnell gehn, denn in eineinhalb Stunden fängt die Übung an. Hält das Wetter? Grauschwarze Wolken stören den heiter-blauen Horizontblick ins weite Land, doch der Luftdruck bleibt konstant. Über die Forststraße geht’s von Urwies aus schnurstracks durch den Wald rauf bis zum Einstieg in knapp über 1000 Metern Höhe, wo ein großes Firnfeld aus herabgerutschten Schneemassen Zeugnis von vergangenen Wintern ablegt.

In Windeseile bis zum Notausstieg

Gurt angezogen, Helm auf, in die Handschuhe rein, Klettersteig-Set eingehängt und los geht’s durch die steilen Felsabbrüche der Nordwand nach oben: „Klick, klick, klick“ – schnappen die Karabiner von Segment zu Segment des sportlichen Eisenwegs. Drei weitere Klettersteig-Geher müssen wegen Zeitmangel überholt werden – ganz schön anstrengend wenns pressiert, aber die Temperatur ist angenehm lauwarm, die Felsen sind trocken und das Wetter wird trotz schlechter Vorhersage zusehends besser – Glück gehabt! Nur knapp eine Stunde später und über 400 Höhenmeter weiter droben suche ich mir oberhalb der Stelle, wo der Notausstieg abzweigt, ein gutes Platzerl auf dem senkrechten Pfeiler, um Fotos zu machen. Unten auf der Forststraße kommen mittlerweile langsam kriechend drei Bergwachtfahrzeuge in Richtung der Koch-Alm daher – von hier oben sieht alles viel winziger und schwerfälliger aus. Ich schwitze und schnaufe, aber alles ist im Zeitplan – perfekt!

Windentraining am Pidinger Klettersteig

Der Teppichklopfer landetWährend ich bereits einige Zeit im Schatten auf meiner Felsspitze sitze und mein Hintern langsam kalt wird, höre ich pünktlich auf die Minute gegen 13.30 Uhr, wie der Teppichklopfer aus der Ferne näherkommt und am mittlerweile blauen Horizont auftaucht: „Flopp, flopp, flopp“, immer lauter wird das von Kindesbeinen an vertraute Geräusch des Bundeswehr-SAR-Hubschraubers vom Typ „Bell UH-1D“ – kurz „Huey“, der seit Jahrzehnten bei Notfällen im Gebirge von der Bergwacht angefordert und eingesetzt wird. Die legendäre „Huey“ mit ihren zwei riesigen Hauptrotorblättern ist besonders für ihre klopfartigen Fluggeräusche bekannt und wird in Fachkreisen deshalb auch liebevoll Teppichklopfer genannt. Trotz seines hohen Alters von fast 50 Jahren überzeugt dieses Hubschraubermuster gerade in der Bergrettung nach wie vor durch seine hervorragenden Eigenschaften. So bietet die Maschine genügend Platz für Patient, Rettungsteam und Material und besticht durch viele Vorteile beim Windeneinsatz. Technische Nachrüstungen sowie genaue und strenge Wartungen garantieren ein hohes Maß an Sicherheit.

Unter mir schlagen die Hauptrotorblätter vorbei

Nach der Landung an der Koch-Alm wird’s wieder still auf der Staufen-Nordseite und in den weit auslaufenden Wäldern des Teisenbergs, denn die vierköpfige Bundeswehr-Besatzung muss mit den Übungsteilnehmern der Bergwachten Bad Reichenhall und Teisendorf-Anger an der stehenden Maschine kurz die Abläufe beim Einsatz der Rettungswinde besprechen. „Falls ihr die Hand auf den Teller oberhalb des Windenhakens legt, sind im schlimmsten Fall die Finger ab, wenn die Winde ganz einfährt“, warnt der Luftrettungsmeister der Bundeswehr. Doch das wissen sie schon: Jeder der 13 Fortbildungsteilnehmer kann schon auf Einsatz- und Ausbildungserfahrung im Umgang mit der „Huey“ zurückblicken, weshalb das Ziel der Übung vordergründig im Training und Verfeinern bereits bekannter Handlungsabläufe besteht.

Aus der Vogelperspektive sieht die Szenerie unwirklich wie der Ausschnitt aus einer Modeleisenbahn-Landschaft aus: Plastik-Hubschrauber, Plastikautos und Plastikmännlein. Doch dann kommt wieder Bewegung ins Spiel: Die Piloten lassen den Heli an und mein kaltes Hinterteil freut sich, dass endlich was weitergeht. In großen Kreisen schraubt sich die „Huey“ höher und höher, bis sie elegant am Felskamm entlang direkt unter mir vor imposanter Berglandschaft einschwebt: Die Schiebetüre geht auf, die Rettungswinde schwenkt heraus und Bergwacht-Ausbilder Alfons Abfalter wird unter den wachsamen Augen der beiden Luftrettungsmeister auf den Felsvorsprung abgeseilt. Direkt unter mir schlagen die Hauptrotorblätter vorbei; die Szene wirkt spektakulär aber in keiner Weise gefährlich, denn Pilot und Bordtechniker halten sicher Abstand zur Felswand und die „Huey“ liegt ebenso felsenfest in der Luft. „Die Jungs haben echt Routine und Einsatzerfahrung; man merkt dass sie das öfters machen müssen, wenn auch leider mit militärischen Hintergrund“, denke ich mir, als der Bergwacht-Luftretter auf dem Vorsprung eine Seilsicherung aufbaut und die Bundeswehr-Besatzung in einem weiten Bogen zum Zwischenlandeplatz fliegt, um weitere Bergwachtmänner abzuholen.

Verständigung nur mit Handzeichen

Etwas ist anders als sonst: Die Bergwacht-Luftretter tragen normale Kletterhelme, keine Funkhelme mit den auffälligen Micky-Maus-Ohrmuscheln. „Unsere Leute sollten heute bewusst auf Funkkommunikation verzichten und sich per Handzeichen mit der Besatzung verständigen“, erklärt mir Ausbildungsleiter Stefan Strecker später bei der Nachbesprechung. Sich über einheitliche und klar verständliche Handzeichen ausdrücken zu können ist für die Retter in kritischen Situationen überlebensnotwendig, falls das Funkgerät plötzlich ausfällt. Strecker: „Deshalb müssen alle die Zeichen in- und auswendig kennen.“ Der nach oben gerichtete Daumen bedeutet: „Alles klar, ich bin selbstgesichert oder bereit zum Abwinchen“, mit der Hand an der Kehle teilt der Bergwacht-Luftretter mit, dass sich das Seil verfangen hat und der Hubschrauber an den Berg gefesselt ist; kreisende Armbewegungen bedeuten, dass der Einsatz sofort abgebrochen werden muss. Während er die Innenwinde bedient, blickt der Luftrettungsmeister direkt in Richtung der Absetzstelle am Berg und sieht dabei alles, was sich unter ihm abspielt: Die am Windenhaken hängenden Einsatzkräfte, mögliche Hindernisse und auch den Fotografen mit der großen Kamera im Klettersteig.

Eine Stunde lang: Kapprettung in einer Tour

Immer wieder schwebt die „Huey“ über dem Felsvorsprung unter mir ein und die scheinbar sehr routinierten Abläufe wiederholen sich: Weitere Bergwacht-Luftretter werden abgeseilt und sichern im Kapp-Verfahren ihre Kollegen an den Windenhaken, wobei sie eine neue Rettungsschlinge testen. Beim Kapp-Verfahren wird der in seine Selbstsicherung gestürzte Patient vom Bergwacht-Luftretter mit einer zweiten Schlinge an den Windenhaken gesichert und zusammen mit ihm nach oben in den Hubschrauber gezogen, nachdem die ursprüngliche Sicherung mit einer speziellen Schere durchtrennt worden ist. Leicht verletzte Patienten ohne entsprechenden Klettergurt können mit einem Rettungssitz gesichert und ebenfalls per Winde zusammen mit dem Luftretter nach oben in den Hubschrauber gezogen werden. Schwer Verletzte werden dagegen liegend in einer Gebirgstrage oder im Luftrettungssack abtransportiert.

Per Luftrettungssack zurück ins Tal

In meinem ausgesetzten, schattigen und windigen Adlerhorst wird es mir nach einer Stunde Fotografieren ohne viel Bewegung schließlich viel zu kalt. Als die Besatzung zum Tanken fliegt steige ich die senkrechte Wand wieder ab und gehe über den Notaussteig zur zweiten Absetzstelle, wo vier Bergwachtmänner zwischen Latschen, Felsen und Schneefeldern in der warmen Nachmittagssonne sitzen und warten, dass der Teppichklopfer zurückkommt. „Hier üben wir den Abtransport von liegenden Patienten im Luftrettungssack“, erklärt mir Marcus Goebel, der gleichzeitig seine Kompaktkamera auspackt und mich mit meinem Riesen-Fotoapparat in der Hand ablichtet. Am Ende eines großen Schneefelds, direkt an der Felswand finde ich die ideale Position, um Fotos zu machen. Zielsicher schwebt die „Huey“ über das grüne Meer aus Latschen, wobei der Abwind wellenförmig über die Zweige niederdrückt. Der Hubschrauber-Einsatz direkt an der Felswand erfordert nicht nur höchste flugtechnische Leistungen der Piloten, sondern auch ein eingespieltes Team und beste Handzeichen-Kommunikation zwischen der Besatzung und den Bergwachtmännern am Boden. Kurz nachdem der Windenhaken zwischen den Latschen verschwunden ist, erscheint wie aus dem grünen Nichts der gelbe Luftrettungssack, der langsam am Stahlseil nach oben zur Kabine wandert. Goebel: „Mit einer Antirotationsleine verhindern wir, dass sich der Sack beim Aufwinchen wegen des Abwinds ständig im Kreis dreht.“

Nach zwei weiteren Durchgängen liege ich selbst gesichert im Sack zwischen den Latschen und sehe, wie vom Hubschrauber über mir der Windenhaken herabkommt; alles verläuft erstaunlich ruhig und vom Wind kommt so gut wie nichts bei mir an, da ich perfekt eingepackt bin. Ruckelfrei geht’s ab nach oben, ich blicke dem Luftrettungsmeister vertrauensvoll direkt in die Augen, als er mich zusammen mit der Winde in die Kabine hineindreht. Nach zwei weiten Runden landen wir auf der Blumenwiese vor der Koch-Alm – der Aufstieg hat trotz vollem Einsatz knapp über eine Stunde gedauert, der Weg zurück nur eine Minute. Für einen Verletzten im Notfall wertvolle Zeit. Wie gut, dass wir diese Technik haben, wenn wir sie brauchen.

Vier SAR-Hubschrauber für den süddeutschen Raum

Die Luftwaffe hält im süddeutschen Raum für den SAR-Dienst drei Stützpunkt-Kommandos mit vier SAR-Mitteln ersten Grades vor, die vom Lufttransportgeschwader 61 betrieben werden: Insgesamt stehen vier Hubschrauber vom Typ „Bell UH-1D“ in Ingolstadt, Malmsheim bei Stuttgart und Penzing bei Landsberg für Rettungs- und Sucheinsätze bereit. Die Bell UH-1D ist ein leichter Mehrzweckhubschrauber, der in der Luftwaffe für den Personen- und Materialtransport auf kurzen Strecken und für den SAR-Dienst eingesetzt wird."

BRK Kreisverband Berchtesgadener Land

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