„Berge ohne Abgrund sind keine Berge!“

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Klaus Burger: passionierter Bergsteiger und Kletterer, Vize-Chef am Amtsgericht Laufen, Vorsitzender des Deutschen Gutachterkreises für Alpinunfälle, alpine Ausrüstung und Materialprüfung (GAK) sowie aktiver Bergretter, Bereitschaftsleiter, Einsatzleiter und Ausbilder in der Bergwacht.

Bad Reichenhall - Das Urteil polarisierte und schlug im Dezember 2009 vielerorts ein wie eine Bombe:

Der Veranstalter des Zugspitzlaufs wurde vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung freigesprochen, da er allen seinen Pflichten nachgekommen war und die Teilnehmer über die möglichen Risiken aufgeklärt hatte. Wer sich eigenverantwortlich am Berg selbst gefährdet, kann nicht danach die strafrechtliche Verantwortung eines Bergkameraden, Führers, Ausbilders, Einsatzleiters oder Veranstalters einfordern. Trotzdem verunsichern steigende Anforderungen an die Sorgfaltspflicht all diejenigen, die womöglich auf weniger Erfahrene besser aufpassen hätten müssen. Da Bergsport immer mehr zum Breitensport wird, nehmen Normen, Juristen, Verbände und Organisationen ihre Ausbilder und Führer zunehmend in die Pflicht. Auch der Bergsportler selbst stellt mitunter immer mehr Ansprüche, wenn etwas schief geht. Experten von Bundeswehr, Bergwacht, Polizei, Justiz und alpinen Verbänden diskutierten daher beim 4. Symposium für Alpine Sicherheit über sinnvolles Risikomanagement und tauschten ihre Erfahrungen zur Vermeidung von Unfällen und über Gerichtsverhandlungen aus.

Wir dürfen und müssen niemanden vor sich selbst schützen!

„Jeder Mensch hat im Sinn der allgemeinen Handlungsfreiheit das Recht auf Risiko, sich selbst zu schädigen, so lang er nicht die Interessen und Belange anderer verletzt. Wir dürfen und müssen also niemanden vor sich selbst schützen, wenn er am Berg bewusst an seine Grenzen geht. Berge ohne Abgrund sind nun mal keine Berge!“, erklärte Dr. Klaus Burger, Bergwachtchef in Reichenhall, nachdrücklich, der genauso wie Peter Plattner, Chefredakteur des auflagestarken österreichischen Fachmagazins „bergundsteigen“, am Ende seines Vortrags gezielt vielen Bergsteigern und Verantwortlichen im Bergsport aus dem Herzen sprach: Eigentlich wollen alle Verbände und Organisationen durch zunehmende Normierung, Veröffentlichungen und Standardisierungen nur die Sicherheit am Berg weiter erhöhen und Unfallzahlen reduzieren helfen, doch für viele Verantwortliche sorgen die dadurch steigenden Sorgfaltspflichtanforderungen für große Verunsicherung und juristische Erwartungshaltungen beim risikofernen Bergsportler, wenn etwas passiert.

Risiko für tödlichen Bergunfall ist im Vergleich relativ gering

Im Vergleich zu anderen Bereichen ist die Zahl an tödlichen Unfällen am Berg relativ gering. Das Risiko, bei einer Alpenvereinstour tödlich von einer Lawine verschüttet zu werden, ist laut Plattners Vergleich etwa sechsmal niedriger, als die Müttersterblichkeit in Europa. „Trotzdem würde niemand einer Schwangeren sagen, dass sie verrückt sei, ein so hohes Risiko einzugehen.“ In Deutschland verunfallen pro Jahr rund 930.000 Menschen beim Treppensteigen; 2008 gab es dabei 1116 Tote. „Dem gegenüber stehen rund 60 Tote am Berg“, ergänzte Burger.

Rettungsvorführung am Götschen:

Rettungsvorführung Seilbahnrettung

Wenn am Berg etwas passiert, fordert der Outdoor-Konsument aber mitunter immer schneller das Recht und Schadensersatz, und der Jurist, so Burger, „ist tendenziell eher ein risikoferner Mensch.“ Risikoreiche alpine Sportarten finden allgemein und besonders im Falle eines Unglücks nur wenig gesellschaftliche Akzeptanz, da der Berg für den Normalverbraucher eine lebensfeindliche Umgebung darstellt. Andere unfallträchtige Sportarten und Bräuche wie Maibaumkraxln oder Hornschlittenrennen sind dagegen sozial etabliert, akzeptiert und normal. Das Risiko wird in Kauf genommen.

Ausbilder & Bergführer müssen Bewusstheit fürs Gebirge vermitteln

„Besonders tragisch ist, es, wenn Menschen am Berg verunglücken, denen überhaupt nicht klar war, auf was sie sich da einlassen haben. Für alle anderen gehört das Risiko zum Spiel und muss bewusst kalkuliert werden“, stellte der erfahrene Bergführer Plattner fest. Vernünftiges Risikomanagement bedeutet, nicht wegen, sondern trotz der damit verbundenen Gefahren auf Berge zu steigen. Bergsport hat sich immer mehr zum Breitensport entwickelt, wobei Ausbildern und Bergführern zunehmend eine wichtige Schlüsselrolle zukommt, um den Menschen, die nicht mit den Bergen und im alpinen Gelände aufgewachsen sind, das notwendige Bewusstsein für mögliche Gefahren zu vermitteln.

Veränderte Bergsteiger-Mentalität: Alpinist wird zum Konsumenten

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Mit dieser veränderten Bergsteiger-Mentalität, in der der frühere Alpinist die neue Rolle eines Konsumenten oder Verbrauchers einnimmt, wird auch immer wieder die Bergwacht bei ihren Einsätzen konfrontiert. „Die Erwartungshaltung ist gestiegen. Früher haben wir am Berg übernachtet, wenn wir zu spät aus der Wand kamen, heute setzen die Leute einen Notruf ab. Da wir schlecht abschätzen können, wie ernst es wirklich ist und wie die Anrufer reagieren, müssen wir sie natürlich runterholen“, erklärte Burger. Wenn den Rettern bei einem gefährlichen Einsatz dann etwas passiert, klagt die Gesellschaft rasch denjenigen an, der den vermeintlich vermeidbaren Notfall verursacht und Hilfe angefordert hat. Die Juristen sehen das aber anders, denn die Erzwingung einer Rettungsaktion im Gebirge ist keine Straftat an sich, und die Bergretter übernehmen ihren Einsatz eigenverantwortlich und freiwillig. Auch der Bergwacht-Einsatzleiter trägt nicht umfassend alle Risiken eines Einsatzes, denn bei ausgebildeten und geprüften volljährigen Einsatzkräften, die ihrer Fortbildungspflicht genügen und keine gesundheitlichen oder einsatzspezifischen Mängel oder Defizite anzeigen, kann er davon ausgehen, dass sie einer gefährlichen Ausbildung und einem gefährlichen Einsatz physisch und psychisch gewachsen sind.

Bergführer ist kein Magier der Grauzone

Der zivile Bergführer steht immer im Spannungsfeld zwischen dem gebuchtem Erfolgserlebnis seiner Kunden und der größtmöglichen Sicherheit. Peter Geyer, der seit 35 Jahren Bergführer ausbildet: „Wer das nicht aushält, ist fehl am Platz!“ Persönliches Können wird in der Bergführerausbildung nicht geschult – das und die notwendige Erfahrung müssen die Anwärter alle mitbringen, damit die eigentlichen Lehrinhalte gut vermittelt werden können. Da das Risiko am Berg immer präsent ist, wird das Bewusstsein der angehenden Bergführer zunehmend sensibilisiert: Sie müssen entscheidungsfreudig sein, klare Aussagen treffen, rhetorisch fit sein und ihre Kunden über Gefahren und Risiken aufklären können, ihnen Fakten und Gefühle vermitteln können. Sie tragen mit steigendem Risikopotenzial auch immer mehr eigene Verantwortung. Der Ausbilder mit seinem strengen Anforderungsprofil ist dabei ein Schlüsselfaktor, der seine späteren Berufskollegen auf ihre anspruchsvolle Aufgabe bestmöglich vorbereiten muss. Geyer: „Es kann in der Bergführerausbildung nichts besseres geben, als Situationen, die ich selbst nicht mehr beurteilen kann. Der Bergführer ist ja kein Magier der Grauzone, sondern auch nur ein Mensch; das muss allen bewusst werden, die diesen Beruf ausüben wollen.“

Pflichten des Veranstalters: Eigenverantwortliche Selbstgefährdung der Teilnehmer beim Zugspitzlauf

Risiken im Gebirge sind gesellschaftlich allgemein weniger akzeptiert; Juristen können sich aber nicht von solchen Stimmungen abhängig machen. „Das Urteil zum Zugspitzlauf-Prozess hat viele Stammtische als Chefankläger zur Weißglut gebracht. Sie waren der Meinung, man könne die Leute doch nicht so einfach in ihr Verderben rennen lassen“, erinnert sich Rechtanwalt Dr. Stefan Beulke. Er war Ende 2009 Verteidiger im Strafverfahren gegen den Veranstalter des Zugspitzlaufs, der wegen zweifacher fahrlässiger Tötung und neunfacher fahrlässiger Körperverletzung angeklagt war, aber schließlich freigesprochen wurde. Er habe seine Sorgfaltspflichten verletzt, zu leicht bekleidete Läufer nicht am Start gehindert und das Ziel nicht beim ersten Schneefall auf das Zugspitzplatt hinunter verlegt, warf ihm die Staatsanwaltschaft als Unterlassungsdelikt vor. Am Ende wurde er freigesprochen. Warum?

Die gerichtliche Befragung von Teilnehmern ergab, dass sie ausreichend schriftlich und mündlich über das Risiko informiert waren und wussten, was auf sie zukommt, sich also eigenverantwortlich selbst gefährdet hatten. Wie sich jemand für einen Extrem-Berglauf über 16 Kilometer und 2100 Höhenmeter bekleidet, sei zudem höchst individuell, wie an den Teilnehmerfotos zu sehen war. Es sei überhaupt nicht möglich gewesen, die Ausrüstung der rund 750 Teilnehmer am Start zu überprüfen, zumal sich auch jeder auf der Strecke umziehen hätte können. „Ein Großteil der Teilnehmer kam ohne Probleme ins Ziel und Unterkühlungen und medizinische Probleme gibt es auch bei einem normalen Marathon“, erklärte Beulke. Einen allgemeinen Pflichtenkatalog zu erstellen sei nicht möglich, da jede Veranstaltung ihr eigenes Anforderungsprofil habe. Grundsätzlich ergebe sich aber aus jeder kommerziellen Veranstaltung eine Garantenstellung des Veranstalters, aber im konkreten Fall war keine Pflichtenverletzung nachzuweisen.

Pressemitteilung BRK BGL

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