Vom Alkohol aus dem Leben geworfen

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Bad Reichenhall - Weihnachten ist nicht nur ein großes Fest im Lichterglanz, sondern für viele Menschen auch mit Einsamkeit verbunden und schweren Lebensumständen.

Sie sind in der Öffentlichkeit nicht mehr sichtbar, sind beschützend untergebracht. Menschen in geschlossen Einrichtungen, in Psychiatrien und psychiatrischen Kliniken. Eine Einrichtung der Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Menschen in unserem Landkreis ist das Sozialtherapeutische Zentrum in Hallthurm, hier soll wieder ein Weg zur Normalität aufgebaut werden. Aktuell befinden sich hier ca. 60 Menschen zeitlich befristet im geschlossenen Bereich, immer aufgrund eines gerichtlichen Unterbringungsbeschlusses durch das Vormundschaftsgericht des Amtsgerichtes. Es handelt sich um keine Straftäter. Die Redaktion hat die Einrichtung besucht und sich mit einem der Bewohner unterhalten. Zu einem Gespräch fand sich Bernhard Z. (48) bereit.

Er ist seit zwei Jahren in Hallthurm und erlebte mit 30 Jahren den Absturz. Dabei hatte es für ihn bis dahin so gut ausgesehen. Obwohl im Heim aufgewachsen, ohne Eltern, hatte er bis dahin bei einem führenden Autohersteller in der Buchhaltung eine gut bezahlte Anstellung. Auch privat hatte er bereits eine Eigentumswohnung, eine feste Lebenspartnerin mit Tochter. Alles schien geregelt und die Weichen für eine gute Zukunft richtig gestellt. Doch dann stürzte er in eine Lebenskrise, gab alles auf was er erreicht hatte, trennte sich von der Partnerin, gab die Arbeit auf und immer weiter zog ihn der Alkohol in den gesellschaftlichen Abgrund. „Damals hat mir der Mut gefehlt, wieder zurück zu gehen, mich um eine Aussöhnung zu bemühen. Auch hat mir die Kraft gefehlt, meinem ausgeprägten Alkoholproblem Herr zu werden.“

Seitdem hat er in 18 langen Jahren viele Versuche unternommen in Therapien und mehrfachen Aufenthalten in psychiatrischen Einrichtungen sein Leben wieder verantwortlich selbst zu gestalten. „Mir fehlt aber bis heute der wirkliche Antrieb da raus zu kommen“, sagt er resigniert. „Ich habe es hier nicht schlecht, habe ein eigenes Zimmer mit Balkon und so auch ein Stück Privatsphäre.“ Auf einem Tisch stehen ein PC, ein Fernseher und ein DVD-Player. Gleich nach der Einweisung hat er sich zum Küchendienst für eine regelmäßige Aufgabe gemeldet. Auch in der Bibliothek arbeitet er mittlerweile und ist in den Bewohnerbeirat gewählt worden. „An Sportprogrammen nehme ich nicht teil, warum soll ich mir das antun, war mein Leben lang nie sportlich aktiv.“ Er zieht sich lieber an seinen PC zurück und vertreibt sich die Zeit mit Computerspielen. „Ich bin kein Gesellschaftstyp, habe lieber die Einsamkeit, höchstens zwei, drei Menschen mit denen ich engeren Kontakt halte“, erzählt er. Nein, die Einrichtung macht er für seine Probleme nicht verantwortlich, hat Unterstützung von seiner Bezugsbetreuerin und einer Psychologin.

„Die Alkoholgruppe hier ist ganz in Ordnung. Dort finde ich Ansprache und manches kann aufgearbeitet werden.“ Sollte er es aber schaffen wieder in ein normales, öffentliches Leben zu finden, so will er doch ein eine Wohngemeinschaft und gleich eine feste Arbeit haben. „Ohne falle ich wieder in ein großes Loch und ganz allein auf mich gestellt schaffe ich es nicht“, glaubt er. Bernhard Z. sehnt sich auch nach einer Partnerschaft, einer festen Freundin. „Wer möchte aber schon einen Freund, der in einer geschlossenen Einrichtung festsitzt“, resümiert er. „Ja, bis vor einigen Monate hatte ich eine Beziehung. Doch in diesem Umfeld hält das meist nicht lange.“

Das Leben mit der Krankheit hat seine Spuren hinterlassen und so folgt jedem Alkoholexzess meist ein schwerer epileptischer Anfall. Auch das wäre wieder Grund genug mit der Droge Alkohol zu brechen. Doch wusste auch schon der Apostel Paulus vor 2000 Jahren: „das Fleisch ist schwach, auch wenn der Geist willig ist.“

„Weihnachten ist für mich eine schlimme Zeit. Viele von hier können über die Feiertage zu ihren Familien nach Hause fahren. Die Geschäftsleitung hat für den Nachmittag zwar eine Weihnachtsfeier organisiert, doch sonst wird er das Fest wohl einmal mehr einsam in seinem Zimmer verbringen. Dabei hat er es im Sozialtherapeutischen Zentrum Hallthurm nicht schlecht getroffen. Den Bewohnern steht ein abgegrenzter Außenbereich zur Verfügung und bei motivierter Teilnahme am Therapieprogramm kann man seine Abstinenzabsichten in Ausgängen erproben. Was bleibt ist die Einsamkeit und mit ihr die ständige Versuchung Alkohol. Denn auch die beste Therapieeinrichtung ist nur ein „Zuhause auf Zeit“, dass zudem nicht selbst gewählt wurde.

Domus Mea Management GmbH

Rubriklistenbild: © Domus Mea Management GmbH

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