Nach tödlichem Motorradunfall auf der St2091

"Unrecht durch Ermittlungspfusch!!!"? - Das Gegengutachten

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Unterreit - "Stell Dir vor, Dein Kind liegt im Sterben und Du bist der Letzte, der davon erfährt", sagt Markus D., Vater des tödlich verunglückten Dennis. Ein Gegengutachten zum Unfallhergang sollte Klarheit bringen.

Mein Sohn soll Gerechtigkeit erfahren“, so der verzweifelte Vater Markus D. im April dieses Jahres gegenüber innsalzach24.de. Er fühle sich von der Justiz und den Ermittlungsbehörden im Stich gelassen, forderte Klarheit zum Hergang des Horror-Unfalls mit zwei Motorrädern auf der Staatsstraße 2109 im August 2015, an dem sein Sohn Dennis beteiligt war. Der andere Motorradfahrer starb noch an der Unfallstelle, Dennis kurze Zeit später im Krankenhaus

Stell Dir vor, Dein Kind liegt im Sterben und Du bist der Letzte, der davon erfährt“, sagt Dennis´ Vater. „Stunden später hat zumindest das Krankenhaus angerufen“. Zu diesem Zeitpunkt habe aber ein weites Umfeld bereits durch die Medien und andere Kanäle davon gewusst. Erst nachdem Dennis am darauffolgenden Nachmittag im Krankenhaus gestorben war, sei die Polizei vorgefahren, um die schreckliche Nachricht zu überbringen. Man habe keine Telefonnummer von Familie D. gefunden, sonst hätte man sich schon früher gemeldet, sollen die Beamten unter anderem dazu gesagt haben.

„Deutsche Gerechtigkeit? Unrecht durch Ermittlungspfusch!!!“

Nachdem er schließlich das, von der Staatsanwaltschaft Traunstein in Auftrag gegebene, Gutachten zum Unfallhergang bekommen hatte, ließ Vater Markus D. sein Auto bekleben: „Deutsche Gerechtigkeit? Unrecht durch Ermittlungspfusch!!!“. Das steht seither großflächig auf seinem Geländewagen. Aufrütteln will er, zeigen, was seinem Sohn und damit seiner Familie passiert ist aber nicht nur: „Ermittlungspfusch kann jeden treffen“, sagt er. Tatsächlich weist das erste Gutachten erhebliche Ungereimtheiten auf, die auch Dennis´ Freunde und Mitfahrer in einem Gespräch im April mit innsalzach24.de bestätigten. 

Dennis´ Mutter (links), seine Freunde (mitte) und Dennis´ Vater (rechts) im April dieses Jahres

Dennis war an diesem Tag nämlich nicht allein mit dem Moped unterwegs: Seine Freundin Teresa D. fuhr als Sozia bei ihm mit. Ebenso waren vier seiner Freunde dabei, jeder mit einer eigenen Maschine. In Kolonne fuhren sie in Richtung Peterskirchen. Dann der schreckliche Unfall: In einer Rechtskurve prallte Dennis, der an vierter Stelle fuhr, in den entgegenkommenden Motorradfahrer.

Die ersten beiden Fahrer haben vom Unfall nichts gesehen. Der dritte, Christian G., konnte dem entgegenkommenden Motorradfahrer gerade noch ausweichen. Das hat Dennis nicht mehr geschafft. Aus den Polizeiakten geht hervor, dass die ersten Zeugenvernehmungen noch am Unfallort und noch vor 19 Uhr erfolgten, also nur rund eine Stunde nachdem es passierte.

Rückblick: Die ersten stichhalten Zweifel am ersten Gutachten

  • Warum wurde Dennis auf Alkohol- und Drogen getestet und der andere Fahrer nicht?“ Tatsächlich steht in der sogenannten „Verkehrsunfallanzeige Personenschaden“ beim anderen Fahrer „bislang nicht getestet“. Weitere, später angefertigte Unterlagen dazu liegen nicht vor.
  • Dennis´ Freunde fühlen sich in den Polizeiprotokollen falsch zitiert. „Wir standen unter Schock!“, so die fünf Freunde. Ein „Ich wurde dabei nicht gefährdet“ von Christian G., laut handschriftlichem und später ins Reine getippten Polizeiprotokoll, ausgesagt, könne man „so und so“ lesen, wenn es um den Unfallhergang und – natürlich auch – um die Schuldfrage geht. Christian G. will das so auf keinen Fall gesagt haben. Er habe dem entgegenkommenden Krad ausweichen können, nicht mehr und nicht weniger. „Hier sind zwei Menschen gestorben“, sagen Dennis´ Freunde und Mitfahrer, „da darf man doch erwarten, dass hier sauber ermittelt wird“. Interessant in diesem Detail ist auch, dass die ins Reine geschriebene Protokolle der Zeugenaussagen jeweils nicht von den Zeugen unterschrieben wurden. Auf Nachfrage von innsalzach24.de im April bei der zuständigen Polizeiinspektion Waldkraiburg hieß es, dass das so üblich sei.
  • In einer Rechtskurve legt sich ein Motorradfahrer nach rechts. Der entgegenkommende folglich - aus dessen Fahrtrichtung gesehen - nach links. Angenommen, beide fahren eher mittig am Streifen entlang, ist der Entgegenkommende demnach eher mit dem Oberkörper auf der anderen Spur. Das war für die Angehörigen und Dennis´ Freunde von zentraler Bedeutung. Demnach habe Dennis den Unfall gar nicht verursachen können.

Sie wandten sich an den Anwalt Eberhard Bubb aus Landshut. Da das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft bereits abgeschlossen worden war, käme Dennis’ Familie um ein kostenintensives Gegengutachten nicht herum, so Bubb im April.

„Klarheit und Gerechtigkeit in der Sache und damit für meinen Sohn“. 

Das forderte Markus D. und Dennis´ Freunde schlossen sich an ebenso wie viele, die von seinem Anliegen über verschiedene Medienkanäle erfahren hatten. Ein neues Gutachten musste her.

In dieser Rechtskurve geschah der schreckliche Unfall.

Dieses weist, wie von Familie und Freunden von Dennis wie auch von vielen Sympathisanten und Bikern bereits vermutet, deutliche Mängel in dem von der Staatsanwaltschaft Traunstein beauftragten ersten Gutachten aus. Beide Gutachten liegen innsalzach24.de vor.

„Keine Untersuchung mittels Weg-/Zeitdiagrammen“

Das Gegengutachten bemängelt grundsätzliche formale Fehler wie etwa, dass die polizeiliche Aufnahme fehlt ebenso wie eine maßstabsgetreue Skizze der Unfallstelle. „Der Gutachter hat keine Untersuchung mittels Weg-/Zeitdiagrammen (…) durchgeführt.

Das erste Gutachten führt laut Gegengutachten nur allgemeine Fotos auf, aus denen keine verwertbaren Erkenntnisse gezogen werden könnten. „Diese Fotos kann man aber aus den im Internet veröffentlichten Pressefotos entnehmen.

Schlimmer Motorradunfall an der Landkreisgrenze

„Unschlüssig und unzutreffend“

Das Gegengutachten zeigt in den Detailausführungen, dass das erste Gutachten „in sich nicht schlüssig und im Ergebnis unzutreffend“ ist. Diese Details haben viel mit Physik zu tun wie etwa mit der kinetischen Energie beim Aufprall.

  • Vermessungen über Stauchungen an der Vorderachse in Vergleich zur nicht getroffenen Hinterachse wurden nicht vorgenommen.“ Damit, so das Gegengutachten, kann keine Aussage zur möglicherweise gefahrenen Geschwindigkeit getroffen werden. Zwar wird im ersten Gutachten eine Aussage zu den möglicherweise gefahrenen Geschwindigkeiten beider Motorräder gemacht. Diese sind laut Gegengutachten aber nicht schlüssig. Es fehlt auch eine Angabe über die angewandte Methodik, wie die Angaben ermittelt wurden.
  • Weiter hat der Gutachter keine Feststellung dazu getroffen, welchen Gang jedes Motorrad eingelegt hatte“. Alleine damit wäre laut Gegengutachter eine deutlich realistischere Einschätzung der Geschwindigkeit möglich gewesen.
  • In einem der im ersten Gutachten aufgeführten Fotos ist zu sehen, dass die Bremsscheibe bei Dennis Motorrad vorne rechts stark aufgebogen ist. Eine, den Gesetzen der Physik nach, schlüssige Interpretation fehlt.

Fachlich einwandfrei?

Dennis' Freunde stellten an der Unfallstelle zahlreiche Kreuze auf.

Mit der Gerechtigkeit für seinen Sohn, die Dennis´ Vater fordert, meint er eine fachlich einwandfreie Klärung des Unfallhergangs, also wer Schuld am Unfall hat und für wen die Kollision unvermeidbar war. Das von der Staatsanwaltschaft Traunstein beauftragte Gutachten räumt dem Splitterfeld eine große Bedeutung ein. Es soll zeigen, wo der Unfall passiert ist und damit, welcher Fahrer zum Zeitpunkt der Kollision auf der anderen Fahrbahn war.

  • Unter dem Quellenverweis auf das „Institut für Unfallanalysen Hamburg“ schreibt der Gegengutachter unter anderem dazu: „Bei Gegenverkehrsunfällen sind die Splitterlagen jedoch als Beweismittel nur bedingt tauglich (…), da aufgrund der rasch einsetzenden Fahrzeugverdrehung größere Querwurfweiten der Splitter möglich sind“.
  • Ein weiterer Punkt, auf den das Gegengutachten in seiner Bewertung über das erste eingeht, sind die Zeugenaussagen und deren Bewertung. Immerhin gab es inklusive Dennis´ Freundin mindestens fünf Zeugen. Tatsächlich wurde Teresa D.´s Aussage –„Dennis ist etwa auf der Mitte unserer Spur gefahren“ – aber nicht berücksichtigt. Dass sie sich in der polizeilichen Befragung aufgrund von einem Schock nicht mehr an Details erinnern konnte, ist selbstverständlich aber dieser Teil ihrer Aussage laut Gegengutachten sehr wohl von belang.

Fazit

  • Weitere Fehler in der Dokumentation im ersten Gutachten,
  • die Tatsache, dass Dennis auf Alkohol- und Drogenkonsum getestet wurde, der andere aber nicht (Dennis hatte weder Alkohol noch Drogen im Blut),
  • und immer wieder die fehlende nachvollziehbare Einordnung der Ermittlungsergebnisse gemäß den Gesetzen der Physik.

Dass der Unfall für den anderen Motorradfahrer laut erstem Gutachten "unvermeidbar" war, ist mit dem Gegengutachten offenbar eindeutig widerlegt. Das ist für Dennis´ Familie und Freunde deswegen wichtig, weil er damit den Unfall von - Gegengutachterseiten her bestätigt - gar nicht verursacht haben kann.

Aufgrund des vorgegeben Rechtsweges muss Dennis´ Familie jetzt einen Zivilprozess anstreben, „so traurig das klingt weil hier sind schließlich zwei Menschen gestorben“. Trotzdem: „Wir wollen Gewissheit, Klarheit und Gerechtigkeit“, sagt Markus D., „und wenn wir dafür diesen Weg gehen müssen, dann werden wir das tun“.

Quelle: innsalzach24.de

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