Artikelserie: Cannabis aus der Apotheke - Der Kampf gegen die Alkoholsucht

Rosenheimer darf nach langem Kampf legal kiffen

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Rosenheim - Jahrzehnte lang hat er getrunken, immer wieder Rückfälle erlitten, nun ist Karl Huber trocken - mit der Hilfe von Cannabis. Doch das war für den Rosenheimer ein langer Kampf.

Karl Huber, wegen seiner Kleinwüchsigkeit "Shorty" genannt, ist 52 Jahre alt und gebürtiger Rosenheimer. Sein Leben ist geprägt vom Alkohol. Sein Vater starb früh. Danach hat seine Mutter einen Wirt geheiratet. Sie stirbt, als Shorty 14 Jahre alt war. Kurz darauf starb auch noch sein Onkel. Das zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Er spült seinen Schmerz herunter, wird zum starken Alkoholiker und muss sogar 13 Monate ins Gefängnis wegen Körperverletzungsdelikten und Trunkenheit am Steuer. 

"Das waren alles Delikte, die aus meiner Alkoholabhängigkeit heraus entstanden." Auch nach der Haft trank er weiter bis er 30 war, dann die erste Entgiftung, weil der Körper nicht mehr mitspielte. "Ich wäre beinahe gestorben. Nach meiner ersten Entgiftung war ich 4 Jahre trocken und habe nur noch Cannabis konsumiert. Ich hatte wieder Arbeit und eine schöne Wohnung." 

Es folgt der erste Rückfall nach einer Hausdurchsuchung. Für gefundene sieben Gramm Cannabis bekam Huber eine zweijährige Bewährungsstrafe mit Drogen-Screening. Er fing deshalb wieder an zu trinken. Es folgt ein ewiges Hin und Her: trinken, entgiften, wieder trinken... 

35 Entgiftungen hat Shorty bereits hinter sich. Er will das nicht mehr. Nichts habe geholfen, außer das Kiffen. "Ohne Gras entsteht bei mir wieder der Suchtdruck zu trinken. Wenn ich Alkohol trinke, werde ich aggressiv, mache Dummheiten. Wenn ich kiffe ist das ganz anders, das hilft mir, ich habe mein Leben im Griff, mit Alkohol nicht." Jahrelang habe er sich "seine Medizin" illegal besorgen müssen. "Das Verbot richtet mehr Schaden an, als es Cannabis je könnte!"

Um dem Teufelskreis endgültig zu entkommen, beschloss Shorty dafür zu kämpfen, legal Cannabis konsumieren zu dürfen und wurde Hanfaktivist. Er schickt einen Antrag auf "Erlaubnis zu medizinischen Cannabistherapien (nach § 3 Abs. 2 BtMG)" und eine ärztliche Bescheinigung an die Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Abgelehnt!

 "Kein Wrack mehr, das morgens zitternd zum Kühlschrank torkelt"

Mit einer zweiseitigen persönlichen Stellungnahme und der Unterstützung seines Arztes versucht er es erneut, erläutert seinen von Alkoholkonsum geprägten Lebenslauf und warum Cannabis ihm hilft: 

"(...) Ich verwende Cannabis gegen die Kopfschmerzen, gegen Aggressionen, Depressionen und zur Substitution, eben weil ich, wenn ich Cannabis einnehme, kein unkontrolliertes Verlangen nach Alkohol habe. Ich bin austherapiert. (...) Beim Cannabis habe ich keinen sogenannten "Filmriss" wie beim Alkohol, kein Torkeln und keine Gleichgewichtsstörungen. Ich bin kein Wrack, das morgens zitternd zum Kühlschrank torkelt, das erste Glas trinkt und Mühe hat, es bei sich zu behalten und sich nicht gleich zu übergeben. Kurz und bündig - Cannabis hilft mir zu einem Leben überhaupt! Ich bin seitdem aufgeschlossen, sozial engagiert - all das ist, wenn man die Vorgeschichte kennt, eine sehr große Wandlung."

Die persönliche Stellungnahme brachte schließlich den gewünschten Erfolg: Am 25. April 2015 lag die abgestempelte Erlaubnis in seinem Briefkasten. Seit nun über einem Jahr darf Shorty legal kiffen.

"Rosenheimer Ärzte sind alles Scharlatane"

Das Schwierigste auf seinem Weg zum "legalen Kiffer" sei für Shorty gewesen, einen Arzt zu finden, der bestätigt, dass er das Cannabis als Substitution für seine Alkoholabhängigkeit braucht. Er sei bei fast allen Ärzten in Rosenheim gewesen, keiner wollte ihn bei der medizinisch betreuten und begleitenden Selbsttherapie zur Seite stehen und die erforderliche Erklärung ausstellen. "In Rosenheim gibt es keine Ärzte, nur Scharlatane. Sogar die Substitutionsärzte. Cannabis ist für sie keine Medizin, sie verdienen da nichts dran, weil da keine Pharmaindustrie dahinter steht. Bis auf meinen Hausarzt, das war der einzige, der gesagt hat, er möchte sich da auf Grund seines Alters einfach nicht mehr einarbeiten."

Erst durch einen Bekannten, ebenfalls Patient, der legal Cannabis konsumieren darf, hat Shorty seinen jetzigen Arzt gefunden. Der ist allerdings in Würzburg. "Ich kenne auch noch andere Patienten mit dem selben Problem, die finden leider auch keinen Arzt." 

Huber steht mit seinem Arzt im regelmäßigen Kontakt. Der überprüft seinen Gesundheitszustand und achtet darauf, dass er keinen Missbrauch betreibt. Auch mit den Apothekern und der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin tauscht er sich regelmäßig aus.

Sein "Gras" bekommt er in der Apotheke

Das Cannabis bekommt Shorty in der Alten Apotheke in Rosenheim. Seine täglich erlaubte Dosis sind auf Empfehlung seines Arztes 2-3 Gramm. Das sind rund 100 Gramm pro Monat. Für 5 Gramm zahlt er 78,25 €, das entspricht etwa 1.500 Euro im Monat, für die die Krankenkasse nicht aufkommt. Für einen Arbeitslosen nicht finanzierbar. "Manchmal legen meine Freunde für mich zusammen, sonst muss ich einfach mit dem auskommen, was ich mir leisten kann." Um finanziell unabhängiger zu sein, plant Huber sich selbstständig zu machen. "Ich habe vor, mich mit einem Geschäft für CBD-Seifen und -Öle selbstständig zu machen. Dafür suche ich derzeit in Rosenheim einen kleinen Laden."

Genaue Dokumentation

Über die Mengen, die er in der Apotheke holt, muss Huber genaustens Buch führen. Er is verpflichtet, jedes halbe Jahr einen Bericht mit Lieferscheinen an die BfArM zu schicken.

Zuhause muss Shorty sein "Gras" wegsperren. "Alle anderen toxikologischen Medikamente darf man offen rumliegen lassen, nur Cannabis wird behandelt als sei es das größte Gift", ärgert sich Shorty.

Hätte nicht auch Sport geholfen?

Ob es einfach eine Suchtverlagerung von Alkohol auf Cannabis sei, die vielleicht auch durch Sport oder etwas anderes ausgefüllt werden könnte, auf diese Frage hat Shorty eine einfache Antwort: "Ich bin austherapiert. Bei mir hat einfach bisher nichts anderes geholfen, den Suchtdruck des Alkohols zu unterdrücken. Cannabis ist einfach das kleinere Übel. Das ist kein Zellgift wie Alkohol, man torkelt nicht, man zittert nicht, man kann nicht körperlich davon abhängig werden. Cannabis ist bei weitem nicht so schädlich wie Alkohol. Im Gegenteil, die positiven Eigenschaften von Cannabis überwiegen ganz klar. Natürlich hilft Sport auch, aber bei weitem nicht so wie Cannabis. Nur mit Sport bin ich vom Alkohol nicht losgekommen."

Shorty weiter: "Als ich in Gabersee auf Entzug war, haben mir bei der Chefarztvisite alle Ärzte geraten lieber Cannabis zu konsumieren. Die Ärzte haben sich aber geweigert, das in den Arztbrief hinein zu schreiben. Die haben alle Angst!"

Shorty setzt sich für die Legalisierung ein

Die deutsche Drogenpolitik ist Shorty sowieso ein Dorn im Auge: "Auf sämtlichen Toiletten im Bundestag wurden Kokainreste gefunden und die wollen mir das Kiffen verbieten", ärgert er sich. "In Portugal sind alle Drogen seit 15 Jahren entkriminalisiert, der Konsum bei der Jugend ist rückläufig! Die Polizei hat Zeit für wichtigere Aufgaben. Der Erfolg gibt Portugal recht. Das Modell kannte unsere Drogenbeauftragte nicht mal! Colorado macht nur positive Erfahrungen seit der Legalisierung, sie setzen die Steuern für Prävention und Bildung ein!" Shorty setzt sich nun auch aktiv für die Legalisierung ein. "Ich will anderen helfen, denen Cannabis helfen kann!"

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie:

- Die Stellungnahme der Polizei

- Interview mit Apotheker Markus Bauer

- Stellungnahme der Bundesopiumstelle

Das sagt die Bayerische Landesärztekammer

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser