Ansturm auf den Schlussverkauf in den Läden der insolventen Drogeriemarkt-Kette

Schlecker-Schlussverkauf: "Es war die Hölle"

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Trostloses Bild: gähnende Leere in den ersten Regalen bei Schlecker.

Griesstätt - Die Rabatte im Zuge der Schlecker-Schließungen lösten einen Sturm auf die reduzierte Ware aus. Die Regale werden leerer - und die Mitarbeiterinnen schauen dem Ende entgegen.

Mit einem vollen Einkaufskorb steuert das ältere Ehepaar die Kasse an: Hygieneartikel, Waschmittel, Shampoo und Seifen auf Vorrat für über 70 Euro hat es eingekauft - so viel wie noch nie zuvor in einem Schlecker-Markt in der Region.

"30 Prozent Preisnachlass, das können wir uns nicht entgehen lassen", sagt die Seniorin fast entschuldigend, "als Rentner müssen wir aufs Geld achten." Trotzdem ist ihr und ihrem Mann sichtlich unwohl beim Großeinkauf in der Filiale, die wie alle weiteren 40 in der Region zum 29. Juni für immer schließen wird. "Es tut uns so leid. Wir wünschen Ihnen alles Gute", spricht das Ehepaar der Kassiererin sein Mitgefühl aus.

Viele Kunden richten gestern Vormittag ein paar persönliche Worte an die Adresse der Verkäuferin: Die einen sprechen Trost, andere berichten von eigenen Erfahrungen rund um eine überraschende Kündigung. "Der Zuspruch tut gut", sagt die gepflegte Mitarbeiterin mittleren Alters, die seit zwölf Jahren bei der Drogeriekette arbeitet und auch jetzt, nachdem sie weiß, dass ihre Tage beim insolventen Discounter gezählt sind, konzentriert arbeitet wie immer. "Ich bin total enttäuscht, ich hatte solche Hoffnung, dass es weitergeht", sagt sie und blickt wehmütig von ihrem Stammplatz an der Kasse in die Gänge, die auch an diesem Vormittag mehr Kunden füllen als sonst. Von der Filiale in Halfing, die bereits im März geschlossen hatte, ist sie nach Griesstätt versetzt worden - in einen Schlecker-Markt, der erst vor drei Jahren im neuen Nahversorgungszentrum eröffnet wurde und nach ihrer Einschätzung gut ging. Doch vergangene Woche kam auch für die letzten Filialen das Aus. "Ich lebe allein, bin für mich selbst verantwortlich und habe keinen Ernährer", klagt die Verkäuferin. Derzeit hängt sie in der Luft, denn eine offizielle Kündigung hat sie noch nicht bekommen. Bis zum 29. Juni hat ihre Filiale außerdem noch geöffnet, doch viele Regale sind bereits jetzt ausgeklaubt. "Die Putzmittel sind schon fast alle weg." Große Lücken klaffen auch bei den Kosmetika, gähnende Leere bei den Hygieneartikeln. Auf dem Boden stehen Kartons mit reduzierten Badeschlappen, die heute weggehen wie warme Semmeln. Auf den Tischen mit den Saisonwaren ist mitten im Sommer sogar die Vorweihnachtszeit ausgebrochen: Die restlichen Kerzen und Adventsdekorationen aus dem Lager werden abverkauft.

"Seit Freitag tippe ich mir die Finger wund, so viele Kunden hatten wir noch nie", stellt die Verkäuferin fest. Am ersten und zweiten Ausverkaufstag hatte sie ebenfalls Dienst und erlebte einen Ansturm, der ihr noch immer - körperlich wie seelisch - zu schaffen macht. "In Zweierreihen standen die Leute in langen Schlangen vor der Kasse an. Der Laden sah am Abend aus wie ein Schlachtfeld." Kunden, die sie noch nie im Geschäft gesehen hatte, rafften Berge voller Artikel in die Einkaufswagen. Einige rissen die Ware aus den Kartons aus dem Lager. "Es war die Hölle", sagt die Schlecker-Mitarbeiterin. Langfinger hatten im Kaufrausch der Menge ebenfalls leichtes Spiel, "gestohlen wurde so viel wie noch nie zuvor", ärgert sich die Verkäuferin. Elf der zwölf blauen Schlecker-Einkaufskörbe, die im Laden stehen, verschwanden - "einfach mitgenommen. Ich verstehe so was nicht!", sagt sie mit Resignation in der Stimme.

Mitten im Trubel erschien den Verkäuferinnen der Mitarbeiter der Arbeitsagentur wie ein rettender Engel. "Für uns Schlecker-Frauen gibt es extra Termine und Berater, die nur für uns zuständig sind. Wir fühlen uns wirklich gut betreut." Viele Mitarbeiterinnen, die es bereits bei der ersten Kündigungswelle erwischt hat, hätten außerdem neue Arbeit gefunden. Die Verkäuferin weiß von Kolleginnen, die im Lebensmittelhandel eine Stelle erhalten haben, andere wollen die Angebote auf Umschulung etwa zur Altenpflegerin annehmen. "Einmal Verkauf, immer Verkauf", zeigt dagegen eine Kundin, die ebenfalls im Einzelhandel beschäftigt ist, Verständnis dafür, dass nicht jede Verkäuferin umschulen möchte.

"Mir steht die erste Kündigung meines Lebens ins Haus", ist die Griesstätter Mitarbeiterin außerdem noch damit beschäftigt, das Unfassbare zu fassen. Viel Zeit zum Grübeln bleibt ihr jedoch nicht. An der Kasse steht die nächste Kundin, die sich mit dem Jahresbedarf an Kosmetika eingedeckt hat und gerne per Karte bezahlen würde, was jedoch nicht mehr möglich ist. Freundlich erklärt ihr die Mitarbeiterin die Notwendigkeit zur Barzahlung. Der Kunde ist und bleibt für eine echte Verkäuferin König - auch wenn das Königreich zusammenbricht.

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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