Premiere im Regen - Passionsspiele starten

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Besucher verfolgen den ökumenischen Eröffnungsgottesdienst der Passionsspiele im Passionstheater. Bis Oktober werden zu 102 Passions-Aufführungen in dem bayerischen Ort rund eine halbe Million Zuschauer erwartet.

Oberammergau - Glücklich, wer noch eine Decke ergattern konnte: Die Kälte hat den rund 5000 Zuschauern am Samstag bei der Premiere der weltberühmten Oberammergauer Passionsspiele zu schaffen gemacht.

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Die Gäste - unter ihnen auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und seine Frau Karin - bibberten sich gemeinsam mit den Darstellern durch die rund fünfstündige Aufführung der Leidensgeschichte Christi - und waren trotzdem begeistert. “Ergreifend - beeindruckend - monumental“ sind Worte, die den Besuchern nach der ersten Hälfte der Vorstellung über die Lippen kamen.

Schon lange vor Beginn der Vorstellung waren die Fleece-Decken im Souvenir-Shop vor dem Passionstheater ausverkauft. Vorausschauende Gäste hatten ihre Decken selbst mitgebracht - einige kamen sogar mit dem Schlafsack, was bei einer Temperatur von nur fünf Grad plus in dem Gebirgsdorf durchaus verständlich war. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hatte einen ganzen Wanderrucksack im Gepäck.

“Bin ich überhaupt warm genug angezogen“, wollte Seehofer vom Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn wissen, bevor sie hinter die Bühne verschwanden, um kurz vor Beginn der Vorstellung gemeinsam mit dem Team um Regisseur Christian Stückl und Kardinal Friedrich Wetter das Vaterunser zu beten.

Im Zuschauerraum dann hatten Seehofer und seine Frau Glück: Für sie waren Decken bereitgelegt - wenn auch in SPD-rot. “Meine Frau sitzt neben mir und die Decke war auch warm“, sagte Seehofer, als er gemeinsam mit anderen, sichtlich frierenden Besuchern aus dem Zuschauerraum kam. “Außerdem waren die Szenen so stark und beeindruckend, dass man die Kälte fast verdrängen konnte“, sagte Seehofer. Er bekannte, er könne sich auch selbst in der Rolle des Erlösers auf der Bühne vorstellen.

Die warmen Decken waren am Samstag allerdings fast das einzige, auf das sich die Besucher stürzten. Bei den Souvenirs und speziell den traditionellen Holzschnitzereien laufe es nicht so gut, sagte Abiturientin Laura Jonas, die neben den Vorbereitungen für ihr Abi in einem Souvenir-Laden am Festspielhaus jobbt. “Wir warten noch auf die Amerikaner.“ Die dürften in diesem Jahr allerdings auf sich warten lassen. Der Karten-Verkauf für die Passionsspiele auf dem traditionell starken US-amerikanischen Markt brach in diesem Jahr völlig ein. Mehr als 100 000 Karten gingen zurück.

Viele Premierengäste kommen ohnehin aus der Umgebung. Auch die Karten, die für weitere Vorstellungen noch übrig sind, sollen vor allem an Interessierte aus der Region gehen. Rund 500 000 Zuschauer sollen bis zum Ende der Passionsspiele im Oktober auf den Theatersitzen Platz genommen haben. Wenn alles gut geht, klingeln dann 28 Millionen Euro Gewinn in der Oberammergauer Gemeindekasse.

Einem schien die Kälte am Samstag allerdings kaum etwas auszumachen: Jesus-Darsteller Andreas Richter kam in kurzen Lederhosen zur Aufführung. Während der Premiere war er zum Zuschauen verdammt. Das Los entschied, dass Frederik Mayet, der die Rolle gleichberechtigt mit Richter spielt, am großen Abend auf der Bühne steht. “Seit Januar proben wir in dieser Kälte“, sagte Richter. “Es war immer bitterkalt.“ Am Premierenabend überwiegt die Freude, die Ergebnisse monatelanger Arbeit endlich präsentieren zu können. “Jetzt sind wir so weit und jetzt kommt die Welt und schaut es sich an.“

Seine Kollegen auf der Bühne - in leichten Kostümen und barfuß in Sandalen - ließen sich vom nasskalten Wetter nichts anmerken. Das Wetter sorgte gar kurz für Vergnügen: Als Pilatus den Satz “Es herrscht große Hitze“ sprach, ging ein belustigtes Raunen durchs Publikum.

Aber schließlich bitten die Oberammergauer den Herrn mit ihren Passionsspielen seit je her ja nicht um schönes Wetter, sondern darum, ihr Dorf von der Pest zu verschonen. Nachdem der “schwarze Tod“ einige Dorfbewohner dahingerafft hatte, versprachen die Oberammergauer im Jahr 1633, regelmäßig ein “Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen, wenn ihr Dorf von der Pest verschont bleiben sollte. Der Überlieferung nach starb von da an tatsächlich kein Einheimischer mehr an der schlimmen Seuche - und was sind dagegen schon ein bisschen Kälte und Regen?

dpa

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