OVB-Serie „Tracht wird zur Marke“

Pionierfrau im „Protznverein“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Damals: die 15-jährige Trachtenpionierin Barbara Grießl (Zweite von rechts) mit ihrem späteren Ehemann Franz Grießl (bereits verstorben), Therese Stephan, Bruder Albert Bauer und Antonie Trägner (von links).

Rosenheim - Barbara Grießl (79) - alias "Oma Betty" – ist eine wahre Vorkämpferin. Als erste Frau war sie in einem Trachtler-Vorstand!

Von Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Barbara Grießl (79) – in der heimischen Trachtenszene kennt man sie als Oma Betty – ist eine wahre Pionierin. Als erste Frau weit und breit übernahm sie 1955 ein Amt in einer Trachtler-Vorstandschaft. Darüber waren anfangs nicht alle begeistert. „Do schau her, de vom Rosenheima Protznverein miassn jetz scho a Weibaleit schicka“, hat es anfangs in der Umgebung geheißen.

Seither ist über ein halbes Jahrhundert vergangen, in dem sich Barbara Grießl im wahrsten Wortsinn die Finger wundgeschrieben hat. Von 1955 bis 1970 als Zweite, danach als Erste Schriftführerin im Trachtenverein Stamm I Rosenheim. Erst 2007 hat sie den Stift weitergereicht. Mit ihren trachtlerischen Aufzeichnungen und Protokollen könnte man wohl eine ganze Bibliothek füllen. Dabei hat Oma Betty – für die Jüngeren unvorstellbar – auf technische Hilfe durch einen Computer bis zuletzt verzichtet.

Verzichten musste man in Rosenheim und im Chiemgau auch in der Nachkriegszeit auf einiges, unter anderem auf Stoffe zum Nähen. „Trotzdem san mia Dirndl und Buam vom Stammverein oiwei in fescher und einheitlicher Tracht daherkemma“, erinnern sich Barbara Grießl, Therese Stephan, Antonie Trägner und Schorsch Minsinger – alle vier sind seit über 60 Jahren im Verein – beim Kaffeekranzerl mit den OVB Heimatzeitungen. Damit ist auch erklärt, woher die Bezeichnung „Protznverein“ kam – so gesehen mehr Kompliment als Schimpfwort.

Taferlbua Schorsch Minsinger

Zumal die Rosenheimer Trachtler damals auch nicht mehr Geld hatten als die anderen. Aber weil ihnen trotz aller Nöte ein sauberes Erscheinungsbild an Fest- und Feiertagen wichtig war, hielten sie fest zusammen. Manche radelten sogar bis nach Miesbach, um dem Verein die Stoffe zu besorgen. Wer gerade kein Diridari (Geld) hatte, bezahlte die Ware einfach „kloaweis“ ab. Andere hatten das Glück eines so vorzüglich funktionierenden Trachtennetzwerks nicht. „Wia hod de von Großkaro noamoi ghoaßn mit dem gschlamperten Gwand?“, fragt Oma Betty. Antonie Trägner und Therese Stephan müssen nicht lange überlegen. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Auch 60 Jahre später noch.

Gern erinnern sie sich auch an die Vereinsabende im Gasthaus „Deutscher Jäger“, das dort stand, wo sich heute der Karstadt-Komplex befindet; an den selbst gemachten, von daheim mitgebrachten Apfelstrudel; und an die strenge Sitzordnung: die Buam auf der einen, die Dirndl auf der anderen Seite, so wie in der Kirche auch. „Des hod scho passt so. D’ Weibaleit ham ja a mehra zum Redn g’habt“, scherzt der Minsinger-Schorsch, der damals als kleiner Taferlbua an der Spitze von Festzügen immer eine besonders gute Figur machen musste.

Und sie erinnern sich auch an die große Tafel im „Deutschen Jäger“. Darauf standen immer neue Namen – und zwar die Namen derer, die Mitglied im „Protznverein“ werden wollten. Alle acht Tage stimmten die Stammler in aller Offenheit mit Handzeichen ab. Eine spannende Sache. Durchgewunken wurde nicht jeder. So manchen Burschen, der als Raufbold oder Schlawiner galt, lehnten die Stammler ab. Ganz anders war das, als Barbara Grießl zur ersten Schriftführerin in der Region gewählt wurde. Das Gaufest stand bevor, und damit viel Papierkram, den niemand so gut erledigen konnte wie das junge Mädchen, das in der Mittelschule im Maschinenschreiben einen Einser nach dem anderen eingefahren hatte. So hatte die Barbara von der ersten Minute an die volle Unterstützung der Stamm-Trachtler – und die kritischen Stimmen im Umland waren auch schnell verstummt.

„Schee war’s und schee is’ a heid no, wenn ma beinand san“, sagen Grießl, Trägner, Stephan und Minsinger. So verkörpert das Quartett genau das, wofür die Gebirgstrachtenvereine stehen: Heimatverbundenheit, Gemeinschaftssinn, Traditionsbewusstsein und über Jahrzehnte gewachsene Freundschaften.

Natürlich haben sich auch die vier schon mit ihrer Unterschrift dafür stark gemacht, dass die Post endlich einmal eine Sonderbriefmarke mit einem Trachtlermotiv druckt. Schon weit über 5000 Unterschriften hat der Trachtenverein Rosenheim I Stamm dafür gesammelt. Die OVB Heimatzeitungen begleiten die Initiative mit der Artikelreihe „Die Tracht wird zur Marke“. Sie wollen die Aktion mit Ihrer Unterschrift unterstützen? So geht es: Im Internet auf www.rosenheim24.de/trachtenmarke gehen, Formular ausfüllen und abschicken.

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser