Mit einer Lederhose fing alles an

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Die Lederhose ist eng mit der Geschichte der bayerischen Trachtenbewegung verbunden. Dieses Ausstellungsstück hat einst die Bergsteiger-Legende Luis Trenker getragen.

Rosenheim/Bayrischzell - Anfang 1883 in Bayrischzell: Der Dorfschullehrer Josef Vogl sitzt mit sechs Burschen beim Wirt; vor ihnen, wie immer, ein Glas Bier. **OVB-Serie "Die Tracht wird zur Marke"**

Weitere Artikel sowie das Unterstützungsformular

Vogl schimpft: Die hiesige kleidsame Tracht sei am Verschwinden, die kurze Lederhose am Aussterben. Die jungen Männer nicken und hören aufmerksam zu. Aber keiner von ihnen ahnt, dass gerade Geschichte geschrieben wird. Es ist der Beginn der bayerischen Trachtenbewegung.

130 Jahre später starten Trachtler in Rosenheim, wo 1890 Bayerns erster Trachtenverband seine Geburt erlebt, eine neue Initiative. Sie wollen die Bundespost dazu bewegen, endlich eine Sonderbriefmarke mit einem Trachtenmotiv zu veröffentlichen. Die OVB-Heimatzeitungen und rosenheim24.de unterstützen das Vorhaben mit der Artikelserie "Die Tracht wird zur Marke" und einer Online-Kampagne mit Unterstützungsformular auf www.rosenheim24.de/trachtenmarke.

Die Briefmarken-Aktion hätte 1883 sicher auch der Josef Vogl unterstützt. Briefmarken sind ja damals schon gedruckt worden. Und es gab immer mehr davon. Ganz im Gegensatz zu den Lederhosen, die in den Augen des Dorflehrers vom Aussterben bedroht waren.

Er würde sich sofort eine kurze Lederhose kaufen, um der hiesigen Tracht zu ihrem Recht zu verhelfen, poltert Vogl im Wirtshaus. Aber er wolle nicht der Einzige sein. Also überlegen die Burschen am Tisch nicht lange. "Ermutigt durch die Rede", wie es in der Gründungslegende heißt, gehen sie schnurstracks zum Säcklermeister Dilger in Miesbach, lassen sich neue Lederhosen anmessen und rufen den ersten "Verein für Erhaltung der Volkstracht" ins Leben. Wenig später tragen sie ihre neuen Prachtstücke durch den Ort - und platzen dabei fast vor Stolz.

Aber Ordnung muss sein. Josef Vogl legt sogleich die Vereinssatzung fest. Unter Paragraph 3 heißt es: "Jedes Mitglied ist verpflichtet, die alte kleidsame Tracht der Gebirgsbewohner, nämlich kurze Lederhose, sogenannte Kniehösl, Joppe, kleinen grünen Hut stets, nach Möglichkeit, die Wintermonate ausgenommen, immer zu tragen." Unter Paragraph 7 steht, ein drei- bis vierwöchentliches Nichttragen könne einen Vereinsausschluss nach sich ziehen.

"Zu lüstern, zu eitel und zu maskenhaft"

Auf ungeteilte Begeisterung stoßen die Bayrischzeller Burschen mit ihren Neuerwerbungen und den "nackerten" Knien allerdings nicht. Beim ersten Kirchgang ernten sie nur Spott und Missfallen. Die "Kurze", früher nur als Arbeits- und Freizeitbekleidung verwendet, ist vielen Menschen nicht festlich genug, manchen erscheint sie sogar als unzüchtig. Im Vergleich zu den strengen Trachtenanzügen wird sie als Verstoß gegen die guten Sitten empfunden.

Aber die Bayrischzeller Lederhosen-Rebellen sind stur und lassen sich nicht entmutigen - zumal sie in König Ludwig II. einen berühmten Fürsprecher haben. Andere Trachtenpioniere folgen ihrem Beispiel und gründen Vereine. In Rosenheim ist es 1889 so weit.

Aber die Sache schaukelt sich über die Jahrzehnte immer mehr hoch. Bis die Kirche den Kniehöslern die Teilnahme an Prozessionen und Festzügen verbietet. 1913 werden die Kurzhosenvereine vom erzbischöflichen Ordinariat in München sogar für sittenwidrig erklärt. Und in einer Ausgabe unserer Zeitung vom 26. Juli 1913 stellt ein Geistlicher klar: "Unsere Volkstracht ist die Inntalertracht, die von der Kniehosentracht himmelweit verschieden ist." Letztere sei "zu lüstern, zu maskenhaft, zu leichtfertig, zu eitel" und tauge als Kleidung höchstens für Trinkgelage.

Die Trachtenerhaltungsvereine bekommen auch ihr Fett weg. Der Geistliche schreibt weiter: "Es ist hauptsächlich die leichtsinnige, vergnügungssüchtige, tanzwütige Welt, die sich in diesen Vereinen zusammenfindet."

Aber die Sturheit von Bayerns Trachtler-Pionieren hat sich gelohnt. Heute ist die Lederhose allgegenwärtig - und steht in aller Welt für bayerische Bodenständigkeit, Heimatliebe und Traditionsbewusstsein.

So können Sie die Aktion unterstützen

Sie wollen die Aktion "Die Tracht wird zur Marke" mit Ihrer Unterschrift unterstützen? So geht es: im Internet auf www.rosenheim24.de/trachtenmarke gehen, Formular ausfüllen und abschicken. Gerne können Sie auch Geschichten und Bilder rund um die Tracht beisteuern oder Motivvorschläge für die Marke machen. Die Beiträge schicken Sie an redaktion@ovb.net oder OVB-Heimatzeitungen, Redaktion, Stichwort "Tracht", Hafnerstraße 5-13, 83022 Rosenheim.

Stefan Sessler & Ludwig Simeth (OVB-Heimatzeitungen)

Quelle: rosenheim24.de

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