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"Mut zum Hinsehen: Contra Zwangsehe"

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Der Blog der 12-jährigen Thea sollte die Öffentlichkeit mit schockierendem Beispiel an das Thema "Zwangsehe" heranführen.

Die zwölfjährige Thea sollte heute den 37-jährigen Geir heiraten - zum Glück nur in einer Kampagne. Doch für 23 Millionen Mädchen ist dieses Schicksal real - ein Kommentar:

Der Aufschrei war groß, als der Blog der 12-jährigen Thea online ging. Besorgte Leser verständigten die Polizei, in den Netzwerken wird seitdem heftig über die Kampagne der Hilfsorganisation "Plan Norge" diskutiert. Auf der Facebook-Page der norwegischen Organisation wurde eigens eine Veranstaltung zur bevorstehenden Hochzeit erstellt - bislang nehmen knapp 6.800 User des sozialen Netzwerks teil (Stand: 10. Oktober).  

Knapp 6.800 User des sozialen Netzwerkes Facebook haben sich bereits zur "Hochzeit" angemeldet (zum Vergrößern klicken).

Die Kampagne von "Plan Norge" sollte die Öffentlichkeit auf die vielen Zwangsehen aufmerksam machen, denen junge Mädchen ausgesetzt werden. Sie hat definitiv provoziert und polarisiert. Und doch ist sich die Mehrheit der User, sowohl weltweit als auch auf unseren 24-Portalen, einig gewesen: So eine Aktion hat es gebraucht. Auch ich teile diese Meinung. Nicht nur, weil ich selbst eine Frau bin und mir das Schicksal meiner "Artgenossinnen" natürlich nicht egal ist. Sondern weil ich mir wünschen würde, dass mehr Menschen hin- anstatt wegsehen. 

Der Titel meines Artikels "Empörung: Thea (12) heiratet 37-Jährigen" löste bei einigen Usern Entrüstung aus. Zu reißerisch, zu sehr "BILD-Niveau", zu sehr "Leser-Verarsche". Im Vordergrund dieser geschickten Aktion stand der Wunsch, auf die Missstände hinzuweisen, unter denen unzählige Mädchen leiden. Mein Fokus lag ebenfalls darauf, mehr Menschen an dieses heikle und wichtige Thema "Zwangsehe" heranzuführen. 

Denn der Blick auf die Zahlen ist ernüchternd: Jeden Tag wird 39.000 Mädchen weltweit die Möglichkeit genommen, sich ihren Ehemann irgendwann, wenn sie selbst bereit dazu sind, auszusuchen. Weltweit wurde jede dritte der heute 20- bis 24-jährigen jungen Frauen bereits als Minderjährige verheiratet. Somit rund 70 Millionen Frauen. Elf Prozent, sprich 23 Millionen Mädchen mussten noch vor ihrem 15. Lebensjahr heiraten. (Quelle: unicef.de)

Wie viele Menschen hätten den Artikel nicht gelesen, hätte der Titel anders gelautet: Etwa "Erschütternde Kampagne zu Zwangsehen" oder gar "Gestellte Zwangsehe soll Realität nahe bringen."  

Eine "User-Verarsche", wie liebevoll kommentiert wurde, stand zu keiner Sekunde im Vordergrund - wohl aber das Bedürfnis, eine großartige Kampagne an den Leser zu bringen.

Hinsehen statt Wegsehen: Die Devise unserer 26-jährigen Online-Volontärin Bettina Pohl.

Der Tag der vermeintlichen Hochzeit zwischen der zwölfjährigen Thea und ihrem 37-jährigen Verlobten Geir ist der heutige 11. Oktober. Das Datum wurde keinesfalls willkürlich gewählt: Es ist der Internationale Mädchentag (International Day of the Girl Child). Thea hat ihren "Leidensweg" heute überstanden, Millionen andere Frauen nicht. Darum soll dieser Tag die Öffentlichkeit auf die vielen Arten von Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, mit denen hunderttausende Mädchen weltweit zu kämpfen haben. Zwangsehen sind nur ein Beispiel auf einer langen Liste von Diskriminierungen, die Mädchen widerfahren können und tagtäglich auch tun

Mut ist, dort zu helfen, wo andere wegsehen. Ich jedenfalls freue mich darüber, dass bei meiner Geschichte so viele unserer Leser hingesehen haben!

verfasst von Bettina Pohl(bettina.pohl@ovb24.de)

Dieser Kommentar muss nicht die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln

Quelle: rosenheim24.de

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