"Mit Dosen-Getränken zum Reichtum"

Vemma & "Verve!": Abzocke oder Geschäftsmodell?

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Rosenheim - Die Firma "Vemma" sorgt mit Energydrinks und dem sogenannten Network-Marketing für Schlagzeilen. Schneeball-System oder Business-Cloud? Wir haben uns mit einem Insider unterhalten:

Bereits zwei Mal berichtete sternTV mittlerweile über die amerikanische Firma Vemma, die mit ihren Energydrinks und einem eigenen Vertriebssystem auf den Markt drängt. Von "trügerischen Versprechen von der schnellen Million" und der "Warnung von Verbraucherschützern" ist in Hinblick auf das Dosengetränk die Rede. Bisher äußerte sich der Getränke-Hersteller zu den Vorwürfen nicht. Wir haben uns jetzt aber mit einem der sogenannten "Affiliates", den Vertriebsmitarbeitern des Konzerns, unterhalten:

Network-Marketing oder Schneeball-System?

Das Vertriebs-System des Mode-Getränks erinnere laut sternTV an das bekannte Schneeball-System: "Wer andere dazu bringt, das Produkt zu bestellen, soll mit Provisionen rechnen dürfen", berichtete sternTV bereits Mitte April. Der Haken:"Damit er (Anm. d. Red.: ein ehemaliger Affiliate im Gespräch mit sternTV) monatlich gerade mal 1.000 Euro verdient, müssen insgesamt 70 Menschen Getränkedosen kaufen - für jeweils 146 Euro, Monat für Monat." Vemma wende sich dabei gezielt an Jugendliche und verspreche bei einem Einstieg in das System den Traum vom Luxus-Leben greifbar zu machen.

rosenheim24.de hat mit einem sogenannten Silver-Level Affiliate im Raum Rosenheim gesprochen. Laut eigenen Angaben beschäftigt sich der junge Mann bereits seit 9 Jahren mit dem Thema "Network-Marketing", seit sechs Monaten steht er im Dienst der Firma Vemma. Bald will er es auf das "Gold-Level" geschafft haben. Von überschwänglichen Versprechungen hält der Rosenheimer nichts: "Wenn ich jemanden ins Team hole, dann möchte ich mindestens drei Jahre mit demjenigen zusammenarbeiten", erklärt er im Gespräch mit rosenheim24.de.

Im persönlichen Gespräch stelle er zunächst klar da, welche Risiken aber auch welche Chance auf den künftigen Geschäftspartner warten, denn: "Nur wer wirklich Leistung bringt, der kann damit auch Geld verdienen", so der Affiliate weiter. "Wer die Sache blauäugig angeht, macht einen schweren Fehler." Dabei gibt er offen zu, dass er selbst in den ersten 5 Monaten seiner Tätigkeit nichts am Geschäft verdient hat. Jetzt, im sechsten Monat, beginne es sich langsam auszuzahlen, so der Affiliate. Vom Network-Marketing alleine leben könne er nach wie vor nicht. Mit einem Nebenjob auf 450-Euro-Basis bessert er sein Einkommen nach wie vor auf. Garantieren, dass andere Affiliates ebenso nur mit fairen Mitteln spielen, nicht mit unrealistischen Versprechungen Heranwachsende ködern, könne er hingegen nicht.

Das Prinzip hinter Vemma

"Ich vergleiche unser System am besten mit einem Kleider-Geschäft. Ich gebe jedem Kunden, der mir einen anderen Kunden bringt einen 10-Euro-Gutschein", erklärt der Affiliate. Auf den einzelnen gesehen mache man zwar weniger Gewinn, insgesamt betrachtet kommen aber mehr Leute und kaufen, so der Rosenheimer.

Vemma rechne dabei in einem ganz eigenen System. Jeder, der in das Vertriebskonzept einsteigt, teilt seine Kunden und deren Partner in zwei Bereiche, die sogenannten "Legs" ein, eine linke und eine rechte Seite, ähnlich einem Baumdiagramm. Dabei werde einem selbst die Menge an Energydrinks angerechnet, die die Personen kaufen, die unter einem in der Hierarchie stehen.

Die Mengen werden dabei in sogenannten "QV" angegeben. Erreicht ein Leg dann 360 QV und das andere 180 QV; einen sogenannten "Circle"; erhalte der Affiliate eine Provision in Höhe von 20 US-Dollar (umgerechnet rund 18 Euro). 60 QV entsprechen dabei ungefähr einem umgesetzten Warenwert von rund 70 Euro. "Ob ich mich dabei an Endkunden oder weitere künftige Affiliates wende, ist mir überlassen", so der Affiliate abschließend.

Kritische Stimmen gegen das Vertriebssystem

Nicht nur Verbraucherschützer warnen mittlerweile vor der Vertriebsstrategie. "Für mich rechnet sich das nicht", erklärt ein junger Rosenheimer, der vor kurzem aus dem Vertriebsteam ausgestiegen ist. Besonders der schlechte Ruf der Firma, rund um Schlagworte wie "Schneeball-System" und "Abzocke" hatten den jungen Mann erst zum Nachdenken und letztendlich vom Verkauf der Energydrinks weg gebracht. "Du musst Dich da wirklich reinhängen, ohne Engagement geht da wirklich überhaupt nichts."

Auch Svenja Kühn, Projektleiterin der Rosenheimer Agentur Hi-So-Events, hat bereits Erfahrungen mit der Marke Vemma gemacht: "Wir haben schnell gemerkt, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht", so Svenja Kühn, nachdem ein Vertreter von Vemma angefragt hatte, sich auf der Rosenheimer "Social Media Night" mit einem eigenen Stand zu beteiligen. Die Organisatorin der Messe habe bereits damals mit Skepsis beobachtet, dass man sich mit der Präsenz gezielt an das jüngere Publikum richten wollte. Als dann noch von Geschäftskontakten nach Dubai geredet wurde, habe man abgelehnt. "Wir haben selbst Geschäftskunden dort, von dieser Seite konnten wir keine Bestätigung erhalten," so die Projektleiterin.

Rein rechtlich kann das Netzwerk-Marketing als Spezialform des Direktvertriebs gesehen werden. Ob es den illegalen Schneeball-Systemen gleichzustellen ist, muss dabei stets im Einzelfall geklärt werden. 

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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