Bobunfall: Heute beginnt der Prozess

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Der Bob der russischen Herren rammte den Bob der russischen Damen. Alle vier Insassen wurden verletzt, zum Teil schwerst.

Schönau am Königssee/Laufen - Der 23. November 2009 war ein schwarzer Tag an der Kunsteisbahn am Königssee. Ab 9 Uhr muss sich ein Jury-Mitglied des Internationalen Bobverbandes FIBT deshalb vor Gericht verantworten. **Wir sind vor Ort**

Lesen Sie hier den Vorbericht vom Freitag:

"Mein Mandant ist einer der erfahrensten Männer im Welt-Bobsport", betont Rechtsanwalt Hans-Jörg Schwarzer zu allererst im BGLand24-Interview. Schwarzer ist der Verteidiger des Sportfunktionärs, der sich wegen fahrlässiger Körperverletzung vor dem Amtsgericht Laufen verantworten muss.

Was war passiert?

Am 23. November 2009 hatte das Training für den Europacup am Königssee begonnen. "Fünf Bobs starteten vom S1 (verkürzte Fahrt)", berichtet der Rechtsanwalt. Das sei dies in der Mannschaftsführersitzung vorab besprochen worden, heißt es. "Mein Mandant kümmerte sich um die unerfahrenen Piloten." Da im S1 eigentlich ein Rodelstart ist, mussten die Sportler ihre Bobs in die Bahn heben, wenn sie freigegeben wurde.

"Die Freigabe erfolgte über Lautsprecher", für Schwarzer ein entscheidendes Detail. Denn die bestehende Ampelanlage habe bei keinem Starter eine Rolle gespielt. "Manchmal schafften es schnelle Fahrer bei grün zu starten, bei langsameren zeigte sie rot." Für das FIBT-Jury-Mitglied sei aber das Signal aus dem Zielhaus relevant gewesen, so der Fachanwalt für Verkehrsrecht weiter. "Bahn frei" und die Nationalität des Bobs sei die entscheidende Freigabe gewesen. Für die Staatsanwaltschaft scheint die Ampelanlage allerdings eine große Rolle zu spielen. Denn ohne eine grüne Ampel funktioniere die Zeitmessung gar nicht, heißt es.

Der zuerst startetende Bob England I stürzte. Dann startete England II. Der nächste Bob wäre Russland gewesen. Der Angeklagte habe dann mit dem Zielhaus Kontakt aufgenommen, da die Russinnen nicht am Start waren. Nachdem diese auch nach Ausrufen über die Lautsprecheranlage nicht auftauchten, ließ der Funktionär die anderen beiden Bobs starten. "Mein Mandant fragte nach dem vierten vom S1 startenden Bob im Zielhaus über Funk nach, ob der gestürzte Bob England I als sechster noch einmal starten dürfte", schildert Hans-Jörg Schwarzer den Ablauf. "Die beiden Herren in der Sprecherkabine verneinten dies und gaben den Start für den nächsten Bob frei."

Vor dem Funkspruch hätten sie den Bobstart über Lautsprecher zur Vorbereitung aufgefordert, ergaben die Ermittlungen. "Vorsicht an der Bahn, wir starten jetzt vom Bobstart. Vorbereiten am Bobstart. Bob Niederlande bitte fertig machen." Aus der Sprecherkabine wurde der Startplatz S1 nie gesperrt. Warum der Spurbob Russland gar nicht aufgerufen wurde, ist laut Staatsanwaltschaft nicht klärbar, spiele aber für das weitere Geschehen auch keine Rolle.

Bilder vom Unglücksort

Da passierte der tragische Unfall. "Über den Lautsprecher kam das Signal 'Bahn frei für Bob Russland'", so der Verteidiger. Das Fatale: sowohl am normalen Bobstart als auch im S1 stand ein russischer Bob. "Die Freigabe für den Bob am regulären Start wäre allerdings 'Bahn frei für Spurbob Russland' gewesen", verteidigt Hans-Jörg Schwarzer seinen Mandanten. Trotzdem seien beide Bobs gestartet.

Wenn der russische Damenbob nicht gestürzt wäre, wäre das Ganze wahrscheinlich glimpflich ausgegangen, ist sich Schwarzer sicher. Doch die beiden Damen verloren die Kontrolle über ihren Bob und stürzten im Kreisel. In der Echowand krachten die Männer mit ihrem Bob auf sie. Vor allem die Bremserin des Damenbobs traf es. Sie wurde schwer verletzt, monatelang behandelt und muss mit massivsten Dauerschäden rechnen. Die anderen drei Sportler erlitten hauptsächlich Prellungen und schwere Schocks.

Wer war schuld?

"Aus meiner Sicht haben die beiden Herren im Zielhaus den fünften Bob am S1 einfach vergessen", schildert der Rechtsanwalt seine Eindrücke. "Sie haben dort eine Videoüberwachung und hätten sehen müssen, dass zwei Bobs in der Bahn sind." Laut Staatsanwaltschaft sei der Startplatz S1 über Monitor nicht einsehbar gewesen, da ein parkender Lkw die Sicht versperrt hätte.

Sieht der Verteidiger des FIBT-Funktionärs die Schuld bei der Rennleitung und den Organisatoren, endeten die Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft bei dem Jury-Mitglied des Internationalen Bobverbandes. Deshalb hat er einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung in mehreren Fällen erhalten. Hätte der Angeklagte diesen akzeptiert, hätte er eine Geldstrafe zahlen müssen. Sein Anwalt hat aber Einspruch eingelegt, weswegen es zu einem Gerichtsverfahren kommt.

Das beginnt am Montag um 9 Uhr am Amtsgericht Laufen. Nach der Anklageverlesung darf sich der Angeklagte äußern, dann beginnt die Beweisaufnahme mit Zeugenvernehmung. Sollte der Sportfunktionär schuldig gesprochen werden, würde das Strafverfahren ein Zivilverfahren nach sich ziehen, ist sich Schwarzer sicher. Dann würde Schadensersatz gefordert und die mittlerweile angefallenen Kosten (Krankenhaus, Reha, Bob-Schäden) legen bereits im siebenstelligen Bereich, so der Anwalt. Er ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. Die muss aber erst bewiesen werden.

Chrstine Zigon

Quelle: rosenheim24.de

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