Neue Chance für behinderte Schüler

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München - Großes Schulterklopfen im Landtag: Alle Fraktionen haben sich auf ein Gesetz zur Integration von Behinderten in die Schulen (Inklusion) geeinigt. „Bayern ist damit Spitzenreiter in Deutschland“, lobt auch die SPD.

Martina Frühwald aus Vaterstetten (Kreis Ebersberg) will, dass ihr behinderter Sohn Leopold nicht in ein weit entferntes Förderzentrum geht, sondern in eine ganz normale Grundschule. Leopold ist ein Frühchen mit Entwicklungsverzögerungen. Die Zeit drängt. Noch ist die Schule nicht gefunden, die den Buben aufnehmen würde. Wohl aber gibt es viele Interessenten in Vaterstetten: Bis zu neun Kinder, sagt Martina Frühwald, würden gerne eine „inklusive Schule“ besuchen.

Neue Duz-Freundschaften im Landtag

Acht Arbeitskreis-Sitzungen mit Marathon-Charakter durchlitten die Abgeordneten, ehe alle fünf Fraktionen sich auf ein gemeinsames Gesetzespaket einigen konnten. Spätestens nach der dritten Sitzung war das Eis gebrochen, berichtet der CSU-Landtagsabgeordnete Georg Eisenreich, der den Inklusion-Arbeitskreis leitete. Nach einer besonders anstrengenden Debatte tat auch mal eine Entspannungsrunde mit Frankenwein Not. Angenehmer Nebeneffekt: Die Teilnehmer wurden fast Freunde. Eisenreich (CSU) ist jedenfalls jetzt mit dem Grünen-Schulexperten Thomas Gehring per Du, und auch den SPD-Kollegen Güll nennt er jetzt den „Martin“. Nur im Falle von Hans-Ulrich Pfaffmann (SPD), mit dem sich Eisenreich schon giftige Duelle geliefert hat, bleibt es beim Sie – Pfaffmann gehörte aber auch dem Arbeitskreis nicht an.

„Inklusive Schule“ (von Lateinisch includere – einschließen) – so etwas gab es bisher nicht. Zum nächsten Schuljahr jedoch sollen die ersten Schulen in Bayern ein derartiges Profil anbieten (wir berichteten). Sie erhalten einen Sozialpädagogen und auch einen zweiten Lehrer in der Schulklasse. Die Neuerung ist nur eine von vielen, die die fünf Fraktionen durchsetzen wollen, um so die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. Die Gesetzesänderungen hätten „Pilotcharakter für ganz Deutschland und Europa“, rühmte der CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Steiner. Bayern werde damit „Spitzenreiter“, erklärte Hans-Ulrich Pfaffmann (SPD), der gleich von einer „Sternstunde des bayerischen Parlamentarismus“ sprach. Auch die bayerische Behindertenbeauftragte Irmgard Badura lobte die Initiative in den höchsten Tönen.

Ziel ist es, behinderten Kindern ab dem nächsten Schuljahr den Besuch von Regelschulen zu erleichtern. Dreh- und Angelpunkt ist, dass die bisherige Voraussetzung – die „aktive Teilnahme“ am Unterricht – entfällt. Stattdessen reicht die „soziale Teilhabe“ aus. Die Abgeordneten rechnen damit, dass vor allem Kinder mit Entwicklungsstörungen aller Art verstärkt auf Regelschulen gehen werden.

Kinder mit anderen Behinderungen – vor allem geistig Behinderte, Seh- und Hör-Geschädigte – würden wohl wie bisher in den Förderzentren bleiben. Diese seien hochspezialisiert und würden von den Eltern allgemein sehr geschätzt, erklärte der CSU-Abgeordnete Georg Eisenreich. Vielen hörgeschädigten Kindern beispielsweise seien die normalen Schulen schlicht zu laut.

Eine genaue Einschätzung, welche Wege die etwa 60 000 behinderten Schüler der Förderzentren künftig einschlagen werden, gibt es jedoch nicht. Wie auch, fragte Pfaffmann rhetorisch in die Runde. Schließlich betrete man Neuland. Es wird jedoch damit gerechnet, dass sich vorerst 30 bis 40 Grund- und Mittelschulen als „inklusive Schulen“ deklarieren. Sie sollen als „Leuchttürme“ wirken. Abzuwarten bleibe, ob auch Realschulen und Gymnasien Interesse hätten. Abgesehen von Körperbehinderten besucht heute nur ein Bruchteil behinderter Kinder diese Schularten, da sie in der Regel die notwendige Übertrittsnote (2,33 bzw. 2,66) nicht erreichen.

Für die nächsten zwei Jahren sind je 100 Stellen im bayerischen Haushalt geparkt, um den zusätzlichen Betreuungsbedarf an den Regelschulen durch die Anstellung von Sonderpädagogen auffangen zu können. Darüber hinaus sollen die zum Teil von karitativen Organisationen getragenen Förderzentren erhalten bleiben. Sie müssen mit einem Schwund an Schülern rechnen, sollen sich aber verstärkt um Partnerklassen kümmern – also Schulklassen mit behinderten Kindern, die an Regelschulen ausgelagert sind.

Martina Frühwald war gestern extra in den Landtag geeilt, um die Gesetzesänderungen aus erster Hand zu erfahren. Sie hofft, dass das Gesetz ganz konkret auch für ihren Sohn etwas bewirkt. Ein zweiter Lehrer in einer inklusiven Grundschulklasse, sagt sie, wäre toll.

Dirk Walter

Rubriklistenbild: © dpa

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