15-Jähriger von Polizist verprügelt?

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Keine schönen Bilder, aber man muss sie zeigen. Platzwunden, gesprungene Lippen, die Zähne teilweise eingeschlagen, alles blutverschmiert: So übel wurde ein Schüler (15) auf dem Herbstfest zugerichtet - nach Angaben der Mutter von einem Polizisten. 

Rosenheim - Wo hört bei Polizei-Einsätzen das Zupacken auf, wo fängt Brutalität an? Diese Frage stellt sich nach dem Pfaffenhofen-Fall nun auch eine Rosenheimerin:

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Die Bilder sind jedenfalls erschütternd. Sie zeigen einen 15-jährigen Buben - blutüberströmt, die Lippen gesprungen, die Zähne teilweise eingeschlagen. Die Mutter erhebt schwere Vorwürfe: Ein leitender Polizeibeamter habe ihren Sohn auf der Wiesn-Wache so übel zugerichtet.

Fassungslos sitzt Petra K. vor den Bildern, die ihren Sohn Hans (Namen geändert) so zeigen, wie er am 3. September während des Herbstfestes aus der Wiesn-Wache kam. "Es ist eine unglaubliche Geschichte", sagt sie. "Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich meinem Sohn das niemals glauben." Der erfahrene Polizist habe den mit Handschellen gefesselten Buben am Kragen und an den Haaren gepackt und seinen Kopf gegen die Wand geschlagen. "Mindestens fünfmal", berichtet sie - immer noch mitgenommen.

Polizei geht den Vorwürfen nach

Petra K. hat Anzeige wegen Körperverletzung erstattet. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd erklärte auf Anfrage unserer Zeitung, zu laufenden Verfahren gebe es keine Stellungnahme. Ein Sprecher bestätigte aber sowohl den Eingang der Anzeige als auch, dass die Staatsanwaltschaft Traunstein und Beamte der Miesbacher Polizei ermitteln. Heute kommt ein Kripo-Beamter aus München nach Rosenheim, um Hans K. - er trägt seit Wochen eine Schiene im Mund, um die lockeren Zähne zu retten - zu befragen.

Vom "Piratenfluss" in die Wiesn-Wache

Hände gebunden: Als der Schüler in die Wiesn-Wache geführt wurde, trug er bereits Handschellen - so wie der Mann auf diesem Bild.

Dass die Mutter und bis zu sechs weitere Zeugen sehen, wie die Polizei mit dem Hauptschüler umspringt, ist reiner Zufall. Um 22 Uhr wollen sie sich mit dem Buben am Glückshafen vor der Wiesn-Wache treffen, um gemeinsam nach Hause zu gehen. Kurz zuvor ist es am Fahrgeschäft "Piratenfluss" zu einer kleinen Keilerei gekommen. Ein Mann (25) soll drei Minderjährige, darunter Hans K., angepöbelt haben. Der 15-Jährige, ein Leichtgewicht von 54 Kilo, hat wohl einen Schubser abbekommen, woraufhin ein Spezl von Hans K. dem 25-Jährigen einen Schlag ins Gesicht verpasst.

Augenblicke später wird Hans K. von einem uniformierten Polizeibeamten vor dem "Piratenfluss" überwältigt, auf den Boden gedrückt und mit Handschellen gefesselt. Der 25-Jährige erklärt wohl, dass Hans K. gar nicht zugeschlagen hat - aber das überhört der Polizist und führt den 15-Jährigen ab.

Es geht zur Wiesn-Wache. Dort hinein sei ihr Sohn von dem Polizeibeamten mehr getreten als geführt worden, so die Mutter. Der 15-Jährige habe keinerlei Widerstand geleistet, jeden Tritt mit dem Knie nur ironisch mit einem "Danke" quittiert. Und: Er sei zu diesem Zeitpunkt völlig unverletzt gewesen. Das hätten ihre sechs Verwandten und Bekannten sowie eine Handvoll Polizisten gesehen.

Natürlich versucht Petra K. sofort hinterherzustürzen, in die Wache zu kommen, aber andere Polizisten versperren ihr den Weg, beruhigen sie mit Sätzen wie "Ihr Sohn wird nur als Zeuge befragt". Diese Beamten seien "sehr nett" gewesen, erklärt sie. Aber die Schmerzensschreie ihres Sohnes seien bis draußen zu hören gewesen. Als ein Zivilbeamter die Wache verlässt, stellt ihre Bekannte den Fuß in die Tür - und schon sind die Frauen drin.

"Wie im Film" habe der Polizist in Uniform den Kopf des gefesselten Buben gegen die Wand gedroschen, erklären sie. "Ich hab geschrien, ein paar Sekunden später hat er endlich aufgehört", sagt die Mutter. Sie fragt lange Zeit vergeblich nach dem Namen und der Dienstnummer des Beamten. Erst um 23.30 Uhr schiebt ihr ein Polizist einen Zettel mit dem Namen eines Vorgesetzten zu.

Obwohl er schwer verletzt ist, wird Hans K. nach Angaben der Mutter bis 23.30 Uhr in Handschellen festgehalten - erst auf der Wache, dann im 100 Meter entfernten Präsidiumsgebäude. Der Grund: Beamtenbeleidigung. Dass der 15-Jährige den Polizisten beschimpft hat, streiten Mutter und Sohn - er hatte eine Mass Bier getrunken, die Blutentnahme ergab den Wert von 1,1 Promille - auch gar nicht ab: "Aber das war erst, nachdem er so schwer misshandelt wurde."

Wunden wurden im Klinikum genäht

Gegen Mitternacht werden die Platzwunden an der Lippe im Rosenheimer Klinikum genäht. Ein Schneidezahn ist abgebrochen und steht schief, der Zahnarzt wird später feststellen, dass oben und unten mehrere Zähne locker sind. Eine Schiene soll retten, was noch zu retten ist. Beim Schulstart elf Tage später bleibt der Stuhl des Achtklässlers frei. Er ist noch krank geschrieben.

Ihr Sohn habe noch nie etwas ausgefressen oder Ärger mit der Polizei gehabt, beteuert die Rosenheimerin. Als sie die Fotos ihrem Rechtsanwalt vorlegt, ist auch der erschüttert. Der Jurist vertritt jetzt den Buben, will sich Einsicht in die Ermittlungsakten verschaffen. Möglicherweise gibt es ein zivilrechtliches Nachspiel.

Eins ist klar: Ist der 15-jährige Bub unversehrt in die Wache geführt worden und mit eingeschlagenen Zähnen wieder herausgekommen, ist die Polizei in großer Erklärungsnot.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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